Die Geschichte vom T-Girl and the City geht weiter. Nachdem die Verwandlung von Sven zu Svenja geglückt ist, stöckelt unsere Protagonistin zusammen mit ihren Freundinnen durch das Kieler Tag- und Nachtleben. Es wird nicht nur getanzt, gestöckelt und gespeist, sondern es sind auch viele ernste und manchmal bewegende Abenteuer zu bestehen. Bleiben Sie dran.
Eine solche Anmache hab selbst ich noch nicht erlebt. Was hatte der junge Verkäufer im Kieler Apple Shop gerade mit frechem Grinsen zu mir gesagt? "Das Basismodell hab ich nicht mehr da, aber ich lass Ihnen das Aufsteigermodell mit der besserer Grafikkarte und 1TB Harddisk fast für den selben Preis."
"Wow", denke ich. "Dieser Typ weiß wirklich, wie man ein Mädchen rumkriegt." und überlege keine Millisekunde, bevor ich mit zitternden Fingern die Kohle aus meinem BH fummele.
Nur zwei Minuten später bin ich die stolze Besitzerin eines nagelneuen Apple iMac mit diesem unglaublich guten LED Screen und natürlich mit aller Software, die ich so für meine tägliche Arbeit im Internet brauche. Ich bin so aufgeregt, endlich nach Hause zu kommen, dass ich auf dem Rückweg in der Fußgängerzone nur eine einzige Bratwurst esse. Sogar der indische Wurstverkäufer ist ein bisschen verblüfft, lautet doch sonst die Frage nur: "Zwei, oder drei heute?"
Fast hatte ich es vergessen, dieses unglaublich schöne euphorische Gefühl, wenn man sich etwas tolles Neues kauft, das man sich schon sooo lange gewünscht hat. Die letzte echte Neuanschaffung liegt schon viele Jahre zurück. Damals hatte mein ExMann Sven mir eine nagelneue KTM Adventure vor die Tür gestellt. Na gut, eine echte Überraschung war das nicht, denn schließlich war ich das ja irgendwie selber, mein ExMann, Sven. Ein ziemlich netter und großzügiger Bursche, übrigens.
Aber das ist lange her und mein Leben gewinnt in letzer Zeit zunehmend an Normalität. Meine Gedanken kreisen schon seit einer ganzen Weile nicht mehr ununterbrochen um Trans, sondern um meinen ganz gewöhnlichen Alltag.
Krieg ich etwa langsam mein normales Leben zurück? Doch wieder MediaMarkt statt Douglas...? Darüber will ich mehr lesen...
58% meiner Leser denken, ich sei genau die Tussi aus dem Beitrag Der Tussi Schnelltest. 24% denken, ich sei ohnehin ein Fake und trüge lediglich für die Kamera ab und zu heimlich die Sachen meiner Mutter. 13% wissen sowieso nie, was sie denken sollen und die restlichen 5% kennen mich persönlich und wissen, dass ich noch wesentlich schlimmer bin, als es mein Blog erahnen lässt.
In jedem Fall stelle ich euch heute in meinem zweiten Teil der Serie Frauentypen Svenja die Büroelse, oder auch Tusnelda Bürokratix Svenja, vor.
Nur die verwegene Brille Marke Verliebt in Berlin ist wirklich bloß ein Gag fürs Foto. Und wer glaubt, ich besäße tatsächlich bequeme Ecco Schuhe, der hat aber auch gar nichts verstanden und muss zur Strafe noch mal den ganzen Blog von Anfang an lesen :-)
Der Rest gehört so, oder so ähnlich sehr wohl zu meinem täglichen Outfit. Natürlich mit Ausnahme dieses leicht(?) irren Gesichtsaudrucks und der Körperhaltung John Wayne's unmittelbar bevor er seinen Colt zieht.
Fazit: Frauentypen gibt es viel. Ungefähr ebenso viele, wie es Vorurteile und Schubladen gibt. Deshalb ist es nicht immer klug, einen Menschen, Transgender oder nicht, zu schnell in eine Schublade einzusortieren. Wenn die Biester da erstmal drinstecken, kriegt man sie nur schwer wieder raus und vielleicht tut man einem anderen Menschen damit mächtig Unrecht.
"Das Foto ist doch ein Fake! Erstens hast du in deinem ganzen Leben noch nie geraucht und zweitens hast du mir gestern erst erzählt, dass du dich überhaupt nicht mehr zu rasieren brauchst."
Mit meinem besten Hello Kitty Augenaufschlag gestehe ich scheu: "Ich hab dich angelogen. Damals hinterm Pferdestall mit 13 hab ich doch schon mal eine geraucht. Und von Zeit zu Zeit brauch ich auch heute noch eine kleine Rasur, wenn die letzten paar Härchen mal wieder vorwitzig durchs MakeUp schauen."
Mein erstes Date mit Alex liegt bereits vier Jahre zurück und ich weiß noch heute, wie aufgeregt und ängstlich ich damals war, denn Alex ist nicht etwa die süße blonde Sprechstundenhilfe beim LaserDoc, sondern ein fieser zigtausend Watt Alexandritlaser, der jeden Schuss mit flüssigem Kryogengas kühlen muss, um einem nicht die Haut abzuziehen.
Noch 2007 habe ich mich jeden Morgen mit der scharfen Dreifach Klinge gegen den Strich rasiert, nur um gegen Mittag doch wieder auszusehen wie Tony Soprano morgens nach seiner Pokerrunde. Und für ein überzeugendes Passing ist nichts tödlicher, als ein sorgfältig überschminkter Bartschatten. Selbst zwei Schichten Camouflage lassen die Haut noch nicht ganz natürlich aussehen. Die Struktur stimmt einfach nicht, weil die 4mm langen Bartstoppeln unter der Haut kleine Beulen machen.
Seit ungefähr einem Jahr aber bleibt der Gillette morgens im Schrank und die kleinen Töpfchen mit der Kryolanschminke bleiben zu, denn mein Bartschatten ist endlich weg. Vier Jahre Laserbehandlung und schwupps, ist die Oberlippe glatt. Ich könnte sogar ungeschminkt aus dem Haus gehen, doch andererseits, warum sollte ich so etwas tun...?
Fazit: Meine letzte Sitzung unterm RubyLaser liegt jetzt schon ein halbes Jahr zurück und die Abstände werden jedesmal länger. Im Januar 2010 werde ich mich hoffentlich ein letztes Mal unters Laserschwert legen und bin dann endlich fertig. Die Brüste brauchten übrigens nur drei Lasertermine, um endlich haarlos zu sein, was nach meiner Meinung für jedes Dekollete eine deutliche Verbesserung darstellt. Optisch jedenfalls...
Meine Lasergeschichte: Dezember 2005 - Erste Sitzung bei Alex zum Artikel... November 2006 - Wechsel zum Rubylaser zum Artikel... Januar 2009 - Epilation der Brust Foto... Mai 2009 - Ein Termin unterm Rubinlaser zum Artikel...
"Abonnenten, alles Abonnenten!" klärte mich ein Schauspieler des Kieler Ensembles mit Grabesstimme auf, als er mein entsetztes Gesicht sieht.
Es ist absolut erstaunlich, wie wenige Menschen noch Spaß daran haben, sich für einen Theaterabend ein bisschen aufzubrezeln. Vielleicht hängt die Klamotte auch vom Festlichkeitsfaktor des Stücks ab, denn heute abend zu Anton Tschechows Kirschgarten ist es besonders gruselig.
Wir sehen nur vier Frauen, die sich auch in ein kleines Schwarzes geworfen haben. Der Rest kommt wie gewohnt in ausgebeulten Jeanshosen, die Taschen vollgestopft, in verwaschenen Polohemden, Fjällräven Hosen, im Jeansrock und in bequemen Latschen. "Na bravo!", hätte Hans Moser jetzt gesagt.
Claudia und ich stehen wie immer bereits eine Stunde vorm ersten Aufzug mit einem Glas Wein im Foyer und schauen zu, wie das Publikum langsam eintrifft.
Aus so einem Theaterabend machen wir jedesmal ein Riesen Event. Tage vorher gehts schon los: "Was zieh ich an?", "Was ziehst du denn an?", um dann am Ende doch wieder klassisch im kleinen Schwarzen mit schlichten Lederpumps loszustöckeln.
Wir sind wie immer eine Stunde zu früh im Schauspielhaus und trinken in der Künstlerkantine noch ein Glas Wein bevor es losgeht. Dort treffen wir auch Zacharias Preen, der schon sein Kostüm für die Rolle des Jepichodow trägt und gleich auf die Bühne muss. Er nimmt sich trotzdem Zeit für einen kleinen Smalltalk und wünscht uns zum Abschied "Viel Spaß!" bevor er eilig in die Garderobe entschwindet. "Zach, du bist wirklich total dünn geworden!"
Als die Vorstellung beginnt, haben Claudia und ich schon einen richtig netten Abend gehabt und uns bereits eine Stunde lang bestens unterhalten. Wer erst in letzter Minute ins Theater hetzt, lässt sich wirklich was entgehen.
Anton Tschechows Stück, Der Kirschgarten, ist an diesem Abend keine leichte Kost. Das Stück spielt um 1900 im zerfallenden Russland, als die Großgrundbesitzer ihr Geld bereits in Paris ausgeben und dabei nicht merken, wie ihre Güter und mit ihnen die alte russische Gesellschaftsordnung unaufhaltsam zerfallen.
Es macht trotzdem unglaublich viel Spaß, die Künstler spielen zu sehen, zumal die Handlung keine zwei Meter vor meiner Nase stattfindet. Schon deshalb ist das Theater etwas Besonderes und mit dem Film überhaupt nicht zu vergleichen. Hier ist alles echt und ich bin live dabei. Besonders Eva Krautwig als Großgrundbesitzerin und Mario Geppert als Bauer Lopachin begeistern mich in ihren Rollen.
Dann fällt der erste Vorhang und über 400 Leute strömen aus dem Saal zur Pause. Dabei stehen nur drei Kellner hinterm Tresen in der Sektbar. Jetzt gilt es Profi zu sein: ohne Hast, aber zielstrebig und mit begrenztem Einsatz meiner Ellenbogen arbeite ich mich ins Foyer vor. Die ersten Amateure sondern sich schon an der Klotür aus. Wer jetzt zum Pinkeln geht, kriegt mit Sicherheit in dieser Pause nichts mehr zu trinken. Profis gehen nach dem zweiten Gong zum Lokus, dann sind die Toiletten frei und anschließend darf die ganze Reihe noch einmal aufstehen, wenn ich unter blumenreichen Entschuldigungen zu meinem Platz stöckele. Übrigens dreht man den Leuten dabei das Gesicht zu und nicht den Dubs. Ein paar Meter weiter verlieren die Raucher das Rennen um ein Glas Wein in der Pause, indem sie ohne Umwege direkt nach draußen verschwinden um dort zu rauchen und sich in der Kälte den Tod zu holen. Arme Loser. Profis haben Kautabak in der Handtasche!
Obwohl ich zu Beginn der Pause einen ganz schlechten Start aus der 2.Reihe habe, bin ich doch die fünfte am Tresen und brülle schon aus drei Metern Entfernung im besten Kasernenton: "2 Grauburgunder!" Meine Bestellung kommt sofort, allerdings ernte ich ein paar erstaunte Blicke. Sorry, denke ich, aber in dieser Stimmlage haben wir in Eutin die Hundertschaft antreten lassen und auch die Wasserwerfer geführt. Und ich wusste schon damals, dass das noch mal für irgendwas gut sein würde.
Während ich den Wein besorgt habe, hat Claudia bereits einen von nur fünf Stehtischen im Foyer organisiert. Von hier aus sehen wir in Ruhe den Rauchern beim Frieren und den Wartenden beim Fluchen zu. Oh, ich liebe das Theater.
Nach der Pause wird der Kirschgarten schneller und abwechselungsreicher. Ich bin richtig hingerissen, was aber auch zu einem guten Stück an der sagenhaften Ausstrahlung von Eva Krautwig liegt. Sie ist eine solche Göttin auf der Bühne, unglaublich! Und wenn ich sie dann in der Holtenauer Strasse beim Einkaufen treffe, ist sie ganz normal und freundlich wie immer.
Am Schluss der Vorstellung bedaure ich, nur ein Paar Hände zu haben, die ich mir knallrot und aua weh klatschen kann. Das Stück ist zwar zu Ende, der Abend aber noch lange nicht. Jetzt ist es Zeit für Plan B und damit ein weiterer Grund, sich fürs Theater ein bisschen out-going anzuziehen. Wir gehen jetzt völlig overdressed entweder in die noble Maritimbar, oder in irgendeine schraddelige Kaschemme, wo der Kontrast noch größer ist. Heute abend fällt unsere Wahl auf den alten Club 68 in der Ringstraße. Unter den ganzen Hippies fallen wir an diesem Abend auf wie 'n Skinhead auf einer türkischen Hochzeit, nur in angenehm. Wir kommen sofort ganz nett ins Gespräch mit einem Typen, der den Kieler Poetry Slam gewonnen hat. Ich will natürlich alles wissen. Später ergattern wir sogar noch einen Teller Rübenmus mit Kochwurst, obwohl die Küche längst geschlossen hat, yippieh!
Als ich gegen drei Uhr endlich zuhause bin, hat mein Theaterabend inklusive Anziehen, schminken und Styling volle zehn Stunden gedauert.
Fazit: Leute, geht ins Theater und macht einen richtig tollen Event daraus! Zieht euch erstklassig an, geht vorher schick Essen und seid anschließend eine fette Stunde zu früh im Schauspielhaus, um noch in Ruhe ein bisschen Wein zu trinken. Anschließend nutzt ihr euer tolles Outfit, die gute Stimmung und die hoffentlich nette Gesellschaft für einen Ausflug in die Nacht.
Theaterkarten beste Plätze 2.Reihe: Schauspielhaus 25,10 € Zwei Glas Wein: Grauburgunder 7,00 € Kleines Schwarzes: Vero Moda 19,90 € Echtleder Pumps: Deichmann, 39,90 € Fishnet Strumpfhose: eBay 4,90 € Cheerleader Strumpfhose zum Drunterziehen gegen den RollbratenEffekt: eBay 6,90 € Im Club 68: Rübenmus 8,90 €, viele Glas Wein hab ich vergessen... Acht Stunden Spaß haben zusammen mit der besten Freundin: Einfach unbezahlbar!
"Weißt du noch, als wir im Nightfever auf dieser verrücketen Ü30 waren? Mit den ganzen russischen Tussis? Und wo du dann nicht tanzen konntest, weil du deine pinken Stilettos anhattest und der Dancefloor aus Metall war? Und was du danach für eine scheiß Laune hattest und du auf dem Klo der einen Tussi..."
"Ich bin ja nicht blöd", unterbreche ich sie. Man muß es mir nur richtig erklären, dann versteh ich auch, wozu Winterreifen gut sind. Und laut sage ich: "Ok, ich mach das. Aber ich zieh keine Hosen an, das sag ich dir gleich. Never! Das ist Jungskram." Vorsichtshalber ziehe ich dabei die Mundwinkel leicht nach unten, so wie ich das immer tue, wenn Jungskram in Aussicht steht.
Andererseits gehe ich als Polizeibeamtin und als ExFreundin einer PROVINZIAL Versicherungsvertreterin selbstverständlich mit gutem Beispiel voran. Winterreifen müssen sein. In der kalten Jahreszeit, bla, der Bremsweg, laber, bla, Unfall, Schuld, Polizei, fasel, schwätz, salbader, Versicherung, fasel, laber, Anzeige, bla, Mitschuld, schwadronier, Gefängnis, Tod!
Bei vier übereinstimmenden Merkmalen wurde ich unruhig und bei sechs Treffern war ich so gut wie willenlos. Was für Merkmale das sind? Tussi Merkmale natürlich.
Ich habe jetzt eigens einen ganz speziellen Tussi Schnelltest entwickelt, mit dessen Hilfe auch ihr jede Tussi sofort erkennen könnt. Mir selbst fällt das leicht, ich gucke morgens nach dem Stylen einfach kurz in den Spiegel :-)
Zehn sichere Zeichen sind es, an denen ihr Femina Tusnelda Vulgaris, die gemeine Tussi, mit hoher Sicherheit erkennen könnt. Aber Vorsicht: Tusnelda ist leicht zu verwechseln mit Muscula Ludia Vulgaris, der gewöhnlichen DiscoTanzMaus, die zwar recht ähnlich aussieht, hingegen aber völlig harmlos ist.
In meinen ersten zwei Jahre als Svenja habe ich unbeirrbar und ganz selbstverständlich genau dem Typ Frau nachgeeifert, den ich selbst so vergöttert habe. Alles mußte rosa glitter girly teeny weeny sein. Meine damalige Freundin, Conny, könnte ein Lied davon singen. Sogar meine Haare habe ich mir blond färben lassen, was dann wirklich spooky ausgesehen hat.
Fazit: Tussis sind nichts für Weicheier. Ich habe zum Glück inzwischen meinen eigenen Stil gefunden und gehe nur noch ganz selten als Tussi Extreme in die Disco, um dann am nächsten Morgen wieder die brave BüroElse zu geben. Doch zu diesem, keinesfalls zu unterschätzenden Typ Frau, kommen wir im zweiten Teil unserer Serie: Frauentypen.
Heute habe ich mich ziemlich sexy angezogen und stöckele spät abends durch den miesesten Stadtteil der ganzen Gegend. An der Bushaltestelle im Ostring hängt eine Gruppe von jungen Typen ab. Die meisten sind Schwarzafrikaner. Einer spielt mit seinem Butterfly Messer, während ein anderer mit einem ausgelutschten Edding 800 ein Marihuanablatt aufs Wartehäuschen malt. Für mich siehts aus wie ein verkümmertes Kastanienblatt. Die Jungs haben mich noch nicht bemerkt, sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Ein großer, dünner Schwarzer kommt auf einem uralten Damenrad mit einer mächtigen Acht im Hinterrad angefahren. Als seine Leute ihn sehen, gröhlen sie schon von weitem: "Ey, was geht ab, Nigger?"
Mensch, denke ich, die sind ja gut drauf. Das versuchste jetzt auch mal und launig brülle ich von der anderen Straßenseite hinüber: "Ey, you! Was geht ab, ihr Nigger?"
Der Rest dieser fiktiven Geschichte ist nicht überliefert, ihr dürft euch das Ende selbst ausdenken. Vielleicht hätten die Jungs sogar ein wenig verstimmt reagiert? Merkwürdig, dabei habe ich doch nichts anderes gesagt, als sie selbst auch?
Ja, schon, aber ich gehöre nicht dazu. Die Regel ist ganz einfach: Nur Nigger dürfen Nigger sagen und nur Transen dürfen Transe sagen. Dasselbe gilt analog für Schwule, Kanaken und Behinderte. Ich war einmal dabei, als ein Behinderter einen anderen mit "Na Spasti." begrüßt hat und dann haben beide gelacht. Das war vor der Reha-Klinik in Bad Segeberg und ich war zuerst ziemlich geschockt, bis ich gemerkt habe, dass es ein InsiderJoke war. Das ist nicht rassistisch, nicht herabwürdigend und kein bisschen beleidigend gemeint. Aber was, wenn ein Außenstehender das sagen würde: "Na Spasti?"
Angehörige einer Gruppe können mit solchen ExtremBezeichnungen untereinander ihre Zusammengehörigkeit ausdrücken, eine Gleichheit, ein Wohlwollen und einen grundsätzlichen Konsens, aber Außenseitern steht das nicht zu.
Meine Freundinnen und ich bezeichnen uns gegenseitig kaum jemals als Transen. Wenn wir das ausdrücken wollen, dann sagen wir jemand sei "auch trans" und wenn wir uns bei einer Frau nicht ganz sicher sind, fragen wir: "Ist die Bio oder trans?"
Richtig ätzend ist es, wenn ich auf der Straße so angesprochen werde: "Ey, guck mal, ne Transe!" Und ein paarmal haben mir Leute auf der Straße nachgerufen: "Scheiß Transe!" Wobei das bisher immer männliche Jugendliche waren. Jenseits der 20 scheint der Verstand bei Jungs dann doch noch einmal ein Stückchen weiter zu wachsen.
Deshalb ist auch ein gutes Passing so wichtig, denn es beendet das tägliche Spießrutenlaufen. Jetzt ist es mir schon über ein Jahr lang nicht passiert, dass ich unverhofft geoutet wurde. Das gibt mir Sicherheit und Gelassenheit, aber der Anfang war nicht immer witzig.
Fazit: Man hilft nicht nur den Betroffenen, sondern auch sich selbst ein ganzes Stück weiter, wenn es einem gelingt, Transsexuelle ganz einfach als Angehörige ihres neuen Geschlechts zu akzeptieren. Sowie ihr es schafft, uns als Frauen zu sehen, gibt es keine gedanklichen und sprachlichen Verwicklungen mehr und auch keine peinlichen ER-Versprecher, die ich immer sehr verletzend finde.
Wir sind vielleicht etwas ungewöhnliche Frauen, aber wir sind Frauen. Bitte macht es uns und euch selbst ein wenig einfacher und akzeptiert uns einfach als das, was wir sind: Als Frauen.
Disclaimer: Ich hoffe, dass niemand an meiner krassen Wortwahl Anstoß nimmt. Es ist bekannt, dass Gruppen untereinander diese Worte gebrauchen. Ich will in keiner Weise irgend jemanden beleidigen, oder herabwürdigen. Ich selbst benutze diese Worte nicht.
Der kleine Macho auf dem Foto, das ist Svenja. Habt ihr mich erkannt? Was hat sich wohl stärker verändert? Ich selbst, oder mein Geschmack in Bezug auf Autos?Ich bin noch immer derselbe Mensch, nur dass ich heute als Frau lebe. Das ist nun wirklich keine große Sache, ich bin eben transgender.
Selbst damals auf dem Foto bin ich schon Svenja, man sieht es nur noch nicht. Ein großes Geheimnis habe ich allerdings nie daraus gemacht. Meinen Partnerinnen hab ich gleich zu Anfang von mir erzählt. Oft habe ich ihre Sachen angezogen und manchmal sind wir dann zusammen losgegangen. Sogar Matina, meine geschiedene Ehefrau, hat mir anfangs ihre Klamotten zum Anziehen rausgelegt. und fand Spaß daran, mich zu stylen. Ein großes Problem war das nicht.
Meinen kleinen Seat hingegen, den hätte ich früher selbst für ein Sissy Car gehalten. Heute dagegen würde ich mir in meinem umgebauten alten Macho Truck ziemlich merkwürdig vorkommen. Jetzt fahre ich diesen winzigen Elefantenrollschuh und bin sehr zufrieden damit. Ich mag mein kleines Frauenauto.
Obwohl Bea angedeutet hat, dass die Fahrleistungen mit 50 PS nicht so ganz zufrieden stellend sind. Aber was verstehe ich schon davon? Ich bin eine Frau und hab ja überhaupt keine Ahnung von Autos, Motorrädern und diesem ganzen Männerkram. (KlischeeMode: OFF)
"Wann habe ich eigentlich das letzte Mal was im Fernsehen gesehen?" frage ich mich und starre nachdenklich auf das Holly Golightly Poster über meinem Bett. Das ist bestimmt schon drei Jahre her. Ich weiß noch, dass ich meinen Fernseher direkt nach der Fußball Weltmeisterschaft 2006 an einen Kollegen verschenkt habe.
"Wenn ich mir nicht einmal das Endspiel im Fernsehen ansehe und seit Monaten schon kein Stecker mehr in der Wand steckt, dann ist die Glotze wohl endgültig over", habe ich mir damals gesagt. Ich bin regelrecht erleichtert, als ein Kollege den schweren 80cm Röhrenfernseher abholt und schwitzend aus der Wohnung schleppt. Endlich ist der blöde Staubfänger weg. (Der Fernseher, nicht der Kollege)
Seitdem lese ich wieder. Ich habe mir einen Leseausweis für die Stadtbücherei besorgt, leihe Bücher, zahle Nachgebühren und liebe die schönen Antiquariate im Knooper Weg. Natürlich lese ich nicht irgendeinen Schund, sondern ich beschäftige mich fast ausschließlich mit hochkomplexer Fachliteratur zu allen möglichen Themen des Lebens. (siehe Abb.1)
Ganz selten schaue ich noch in die umsonstene Fernsehzeitung, um zu sehen, was mir möglicherweise entgeht. Es gibt tolle Ratespiele, bei denen man richtig viel Geld gewinnen kann, oder je nach Neigung sogar eine Frau, einen Bauern oder einen Grafen. Es gibt spektakuläre Gerichtssendungen und außerdem Talkshows, bei denen endlich mal die kleinen Leute zu Wort kommen und sagen können, was ihnen auf dem Herzen liegt. Selbst wenn sie gerade mal keine Zähne haben. Fazit: Anstatt fernzusehen sitze ich heute viel lieber mit einem Buch in meinem fetten Ohrensessel unter einer kuscheligen Decke und genieße die Ruhe in meinem Apartment. Ich habe noch nie eine Folge "CSI" gesehen, keine Folge von "Wer wird Millionär" und ganz sicher keine Sekunde lang "Schlag den Raab". Und wenn alles richtig gut läuft, dann bleibt es auch dabei :-) PS: Außerdem spare ich ungefähr 150€ Rundfunkgebühren im Jahr, weil ich nur noch für das Radio zahlen muß. Und das sind immerhin fette 50 Flaschen Blanchet*.
*Blanchet: Eine Währung, die unter T-Girls üblich und weithin akzeptiert ist. Es handelt sich dabei um einen trockenen, französischen Weißwein. 1 Fl. Blanchet entspricht ca. 3€. Der Blanchet-Kurs ist unabhängig vom Ölpreis und nicht an den Leitzins der Weltwährungsbank gekoppelt. Er gilt von daher als besonders krisensicher.
Der gute alte Doc Atkins verblüfft mich immer wieder. Seit vier Wochen verzichte ich auf Kohlenhydrate, und schon habe ich ebenso viele Kilo abgenommen. Vier Kilo in vier Wochen? Das kommt mir fast ein wenig zu schnell vor. Aber sicher wird das schon bald wesentlich langsamer gehen. Jetzt hab ich 85,3 kg.
Dabei esse ich soviel ich nur will. Nur eben keine Kohlenhydrate mehr. Kein Brot, keine Nudeln, keine Kartoffeln und vor allem NULL Zucker. Wobei man sich wundert, wo überall Zucker drin ist. Z.B. in Ketchup und zwar jede Menge.
Bis ich mein altes Gewicht von 78 kg wieder erreicht habe, wird es aber sicher noch ein paar Monate dauern. Solange schaufele ich weiterhin Steaks und Koteletts, Bauchfleisch und Würstchen, Speck und Eier und natürlich jede Menge Fisch und Krabben in mich hinein. Wenn meine geliebten T-Bone Steaks nicht so teuer wären, würde ich die Biester jeden Tag essen. Die Atkins Diät funktioniert bei mir so gut, weil ich soviel Fleisch essen darf, wie ich nur mag und niemals hungern muss. Das eine kann ich nämlich sehr gut und das andere überhaupt nicht.
Wenn ich endlich wieder unter 80 Kilo bin, dann belohne ich mich selbst mit einer großen Fotosession und trage dazu die acht Kleider, elf Röcke und sieben Hosen, die ich noch nie angehabt habe. Doch bis es soweit ist, dürften noch Monate vergehen. Soifz.
"Wie? Du stehst nicht auf Kerle? Das versteh ich nicht. Ich denke du bist jetzt eine Frau, da mußt du doch auf Männer stehen?" sagt der Typ am Tresen neben mir und sieht mich dabei aus glasigen Augen verständnislos an.
"Oh, Mann", denke ich. Nicht nur BILD-Leser halten Transsexuelle noch immer für einen Haufen bunter Schwuler in Frauenkleidern. Welch ein Unsinn. Transsexualität beschreibt die Identität eines Menschen und nicht seine Sexualität.
Das deutsche Wort Transsexualität führt thematisch in die Irre.Der Begriff beruht letztlich auf einem ärgerlichen Übersetzungsfehler des englischen Wortes transsexual. Im Englischen steht das Wort Sex für Geschlecht, männlich oder weiblich und damit gerät alles durcheinander, denn Sexualität ist hier nicht gemeint. Deshalb setzt sich der Begriff Transgender immer mehr durch. Gender beschreibt das soziale, das gelebte Geschlecht eines Menschen.
In einem Kommentar auf ein früheres Posting hat mir ein Ralf geschrieben, er könne mich nicht ernstnehmen, weil ich auch weiterhin auf Frauen stünde. Und transsexuell UND lesbisch sei ja wohl ein bisschen sehr unwahrscheinlich, oder?!
Das ganze Schubladendenken aus lesbisch und schwul führt bei Transgendern völlig in die Irre. Manchmal komme ich selbst durcheinander. In meinem früheren Leben als Mann, Ehemann und Vater war ich rein heterosexuell und auch heute als Frau stehe ich ausschließlich auf Frauen. Wie kann ich lesbisch geworden sein, ohne dass sich meine sexuelle Orientierung verändert hat? Das geht doch gar nicht.
Ihr seht schon wohin das führt. Die üblichen Schubladen funktionieren nicht mehr und die Begriffe widersprechen sich teilweise gegenseitig. Man kann nur fragen: "Stehst du auf Männer, oder stehst du auf Frauen? Oder sind dir beide Recht?"
Die Wissenschaft unterscheidet zwischen gynophilen (mag Frauen) und androphilen Transsexuellen (mag Männer). Leider habe ich keine verlässlichen Zahlen über die Häufigkeiten gefunden. (Über Hinweise auf statistische Erhebungen zur Verteilung Gynophiler und Androphiler würde ich mich sehr freuen. Bitte mit Quellenangabe.)
Fazit: Transsexuelle können als Sexualpartner sowohl Männer als auch Frauen bevorzugen, wobei manche überhaupt keine sexuelle Präferenz haben. Am ehesten gerecht wird man Transgendern, wenn man ihre Andersartigkeit nicht auf den sexuellen Aspekt reduziert. Das ist nämlich mit Sicherheit falsch.
"Möchten Sie meinen Personalausweis sehen?" frage ich den Wahlhelfer hoffnungsvoll und gebe ihm voller Stolz meinen Wahlschein mit dem Namen "Svenja" drauf. "Nein, den brauche ich nicht", erwidert er. "Den brauchen wir nur, wenn uns etwas komisch vorkommt."
Ich bin ein wenig perplex. Also wenn ich ihm nicht komisch vorkomme, wer dann überhaupt? Ich bin fast ein bisschen entäuscht, weil ich natürlich keine Gelegenheit auslasse, um mich irgendwo voller Stolz als Svenja auszuweisen.
Oh, wie schön, freue ich mich. Dann war das wohl eben einfach ein besonders gelungenes Passing.Meine Freude hält genau so lange an, bis der Blödling Claudia genauso durchwinkt. Und auf ihrem Wahlschein steht immerhin noch ihr Männername. Blöder Wahlhelfer. Was muß man hier tun, um denen "komisch" vorzukommen?
Fazit: Selbst drei Jahre nach meiner Namensänderung von Sven zu Svenja ist mein neues Leben als Frau noch immer ein einziges großes Wunder für mich. Fast kein Tag vergeht, an dem ich mich nicht wie ein Kind darüber freue. Wie ein Mädchen natürlich ...
Heute nacht ist Birdynacht. Nach zwei langen Monaten "Wegen Renovierung geschlossen" findet heute endlich die große Eröffnungsparty Birdcage 2.0 statt und natürlich sind Claudia und ich dabei.
Das Birdcage ist nicht nur DIE Szene-Bar in Kiel für Lesben, Transgender und Schwule, sondern auch Heimatplanet vieler T-Girls in Kiel und Schleswig-Holstein. Von hier aus starten wir unsere Ausflüge in die Nacht. Wir feiern gemeinsam mit Lesben und Schwulen, mit Pärchen, Heten und BioFrauen, oder einfach mit netten Leuten, die die Nacht hereingespült hat.
Ihr dürft euch das Birdcage auf keinen Fall so vorstellen, wie die berüchtigte Blue Oyster Bar aus dem Film Police Academy. Seht euch unbedingt den Filmclip an (ab 1:00 min lach ich mich schlapp). So wie im Blue Oyster ist es dort eben nicht:
- man wird nicht begrabscht (außer man legt wirklich richtig Wert darauf) - man wird auch nicht verkloppt, bloß weil man nicht ebenfalls schwul, lesbisch, trans, oder sonstwie queer ist - und einen Darkroom gibt es dort schon gar nicht und auch keine Ledertypen, obwohl auch das sicher ok wäre.
Habe ich irgendein Vorurteil gegen Schwule vergessen? Das Birdy ist einfach eine nette queere Bar, in der jeder willkommen ist, der sich halbwegs normal benehmen kann. (nur ich darf trotzdem rein :-)
Michael, der BirdyWirt, ist total nett und außerdem einer der besten Barmixer, die ich kenne. Das Birdy ist nämlich eine richtig gute, kleine Cocktailbar und die Drinks dort sind ihr Geld Wert und enthalten tatsächlich richtig Alkohol. Außerdem gibt es Kölsch vom Fass, hausgemachte Frikadellen und ein erstklassiges House Chilly, günstig, scharf und riesengroß. Meine einzige Kritik: Zum Tanzen ist das Birdy zu klein und schon deshalb kriegen wir die Blue Oyster Bar dort nicht nachgespielt.
Claudia, beste Freundin und T-Girl wie ich, holt mich um kurz vor neun zuhause ab. Wir haben uns beide ziemlich aufgerüscht, obwohl wir uns das im Birdcage wirklich sparen könnten. Jede neue Frisur, jeder Lidstrich und jedes neue Minikleid, heißt im Birdy Pumps vor die Säue zu werfen. Wir sind einfach nicht die Zielgruppe. Trotzdem führe ich meine neuen lila Pumps im slutty MaryJane Style aus. Zu dem schwarzen Minikleid sehen sie toll aus. Schwarz und lila passen super zusammen.
Wir ergattern einen Parkplatz direkt vor der Tür und unter großem Hallo und mit vielen Über-Die-Schulter-Spuck Küsschen ergattern wir uns einen winzigen Stehplatz in zweiter Reihe an der Bar.
Ich bin begeistert vom neuen Birdcage 2.0. Die Bar hat mindestens ein Jahrzehnt Muff abgeworfen und sieht jetzt moderner und viel edler aus. Die Bauausführung wurde übrigens von einer Transsexuellen geleitet, die ehemals ein Bauarbeiter war. "Toller Job, Tina!"
Michael spendiert uns einen Prosecco und wir finden sogar unseren Blanchet wieder auf der Karte. Puh, muß ich gebettelt haben hartnäckig gewesen sein, damit Micha als Weinkenner den Blanchet auf die Karte genommen hat, aber er ist nunmal das Getränk vieler T-Girls und vor allem meins :-)
Irgendwann gegen Morgen ist der Blanchet alle und es ist Zeit nach Hause zu stöckeln. Meine neuen Pumps bieten plötzlich nicht mehr genügend Halt. Schwimmender Estrich im Birdy? Zum Glück schaffe ich das kleine Stück zu meiner Wohnung auch jetzt noch zu Fuß und hoffe nur, dass mir jetzt nichts von dem Diskothekenvolk aus der Bergstraße entgegenwankt.
Fazit: Das Birdcage ist DER Ausgehtipp für alle Transgender in Kiel und in Schleswig-Holstein. Nach seiner Renovierung ist es sogar noch besser geworden.
Selbst wenn euer Bartschatten noch fett durchs MakeUp scheint und ihr bei der Klamottenwahl gerne mal so richtig daneben greift, im Birdy ist das ok. Hier könnt ihr ohne jede Bedenken hingehen und an den meisten Abenden werdet ihr dort auch andere T-Girls in verschiedenen Phasen ihrer Verwandlung treffen. Häufig gehen wir nach dem Treffen unserer Transgender Selbsthilfegruppe noch alle gemeinsam auf ein Glas Wein ins Birdy.
PS: Bitte entschuldigt meine Euphorie. Ich krieg im Birdy nichts billiger und bin auch nicht am Umsatz beteiligt, aber ich liebe den Laden. Es war die erste Bar, in die ich mich in weiblicher Kleidung getraut habe und ich hab mich dort sofort wohlgefühlt. Aber das ist Stoff für eine andere Geschichte ...
"Eine Niki de Saint Phalle Ausstellung haben wir hier nicht." erklärt uns die Kassiererin am Eingang des Sprengel Museums und fügt mit leicht zickigem Tonfall hinzu: "Wir sind doch hier nicht das Privatmuseum der Frau Saint Phalle." Ich bin sprachlos. Monatelang hatten Bea und ich uns auf den Besuch dieser Ausstellung vorbereitet. Wir haben uns umfassend über Niki informiert, haben extra Urlaub genommen und sogar rechtzeitig ein gutes Hotelzimmer in Hannover gebucht.
Jetzt bloß nicht nachgeben, denke ich und halte entschlossen dagegen: "Aber Moment mal! Ich weiß doch, dass Niki de St.Phalle Ihnen über 300 ihrer großen Werke vermacht hat. Sie haben hier die größte Sammlung überhaupt." "Ja," zickt der Museumsolm zurück, "aber nur weil wir die haben, heißt das noch lange nicht, dass wir die auch immer ausstellen. Die Meisten sind verliehen und irgendwo unterwegs. Der Rest liegt eingelagert im Keller. Aber machen Sie sich nichts draus," lenkt sie versöhnlich ein und Stolz schwingt in ihrer Stimme: "Das passiert andauernd. Es waren sogar schon Leute aus Japan hier."
Wir machen dennoch einen Rundgang durchs Sprengel Museum und sind von Minute zu Minute entäuschter. Riesige Hallen, in denen die Kunstwerke lieblos präsentiert und dazu völlig unzureichend beleuchtet sind. "Gedämpftes Licht zum Schutz der Kunstwerke", ist dafür an jeder Ecke zu lesen. Ich habe wirklich gute Augen, aber ich kann weder Farben, noch Details erkennen, was besonders in der einzigartigen Paul Klee Ausstellung sehr ärgerlich ist. Dazu verfolgt uns auf Schritt und Tritt ein Aufgebot grauer Museumswärterinnen und überwacht das strenge Fotografierverbot. Die Zonengrenze war ein Witz dagegen. Entäuscht stehen wir nach einer knappen Stunde schon wieder auf der Straße.
Die Stimmung ist auf dem Tiefpunkt angelangt. Nach Hause fahren scheidet aus. Ich hab das Hotel mit Frühbucherrabatt und damit "Non refundable" gebucht. Bea kann ihre Entäuschung kaum noch verbergen, aber gemeinsam raffen wir uns auf, die Innenstadt zu besichtigen. Am Leineufer stehen ja einige große Nanas, die Niki de Saint Phalle 1974 geschaffen hat. Ich hab das TomTom Navi aus meinem Auto ausgebaut und zielsicher führe ich uns damit in die Innenstadt. Nur schade, dass ich vergessen habe, auf Fußgängermodus umzustellen und das Navi uns einen Weg vorschlägt, auf dem auch ein Schwertransport mit Überbreite die Innenstadt erreicht hätte.
Die Innenstadt Hannovers mit den drei Nanas am Leineufer entschädigt uns für die Entäuschung im Sprengel Museum und unsere Laune wird langsam besser. Vor allem nach der Riesenportion Spanferkel, die ich bei über 30° im Biergaarten gegessen habe. Puh, jetzt komm ich aus dem Schwitzen nicht mehr raus.
Wir sind beide ziemlich erledigt und fahren in das Hotel, das Bea für uns ausgesucht hat. Es erweist sich als echter Geheimtipp. Das Ghotel in Hannover ist ein riesiges und sehr gepflegtes Tagungshotel, in dem nur wenige Privatgäste absteigen. Das Doppelzimmer kostet bloß 44 € für uns beide zusammen und ist dabei wirklich prima. Dazu liegt das Hotel in einem wunderschönen Park und hat ein tolles Restaurant mit eigenem Biergarten. Trotzdem sind wir abends beide ziemlich down und vertreiben uns die Zeit, indem wir uns beim Abendessen gegenseitig kräftig anzicken.
Am zweiten Tag ist die Stimmung wieder richtig super, was nach dem unglaublichen Frühstücksbuffet im Hotel auch kein Wunder ist. Mit dem Auto fahren wir zu den Herrenhäuser Gärten, wo die historische Grotte liegt, die Niki de Saint Phalle neu gestaltet hat. Die Gärten sind riesig und so wunderschön, dass sie alleine eine Tagesreise Wert sind. Wir machen einen kleinen Spaziergang durch die Gärten, aber ich merke, wie Bea langsam ungeduldig wird. Sie möchte endlich die Grotte sehen und mir geht es ebenso.
Die Grotte wurde in ein historisches Palais eingebaut und von Niki de Saint Phalle ganz neu gestaltet. Der Spiegelsaal ist hell und durch die unglaublich vielen Kunstwerke in fröhlichen Farben und durch den plätschernden Brunnen ein ganz unglaubliches Erlebnis. Als ich in die dunkle blaue Grotte komme, schießen mir vor Rührung sofort ein paar Tränen in die Augen. "Blöde Hormone", denke ich und halte die Tränen mühsam zurück.
Fazit: Hannover ist durchaus eine Reise wert. Die Herrenhäuser Gärten und die Innenstadt mit den Nanas am Leineufer sind wirklich sehenswert. Das Sprengel Museum erfordert eine genaue Info darüber, was am Reisetag zu sehen ist. Ich habe es allerdings als ein dumpfes und etwas langweiliges Museum empfunden, das seine Ausstellungen zum Schutz der Farben gerne im Dunkeln präsentiert. Das mag aber auch an meiner Entäuschung gelegen haben. Was mögen wohl erst die Japaner gedacht haben?
"Diese beiden Teenies da vorne, lachen die mich etwa aus? Und die Gäste in Lammers Biergarten die labern doch jetzt garantiert über mich, oder? Und wieso glotzt der Typ an der Ampel mich eigentlich so an? Will der 'n Foto, oder was?"
In allen drei Fällen lautet die Antwort "Nein!" Nein, die Typen im Biergarten unterhalten sich bloß so und Teenies gackern, weil das einfach ihr Job ist. Und der Typ an der Ampel? Der glotzt mir doch nur auf die Beine, so wie ich das früher auch bei jeder Else getan habe. Und heute noch tue :-)
Transsexuelle kennen diese Ängste. Außerhalb unserer eigenen vier Wände begleiten sie uns anfangs auf Schritt und Tritt. Das ist schließlich auch kein Wunder, denn im gruseligen ersten Jahr sehen wir überwiegend noch aus wie Kerle in Frauenkleidern. Spätestens ab 14 Uhr wächst der Bartschatten frech durchs MakeUp, während der Rock auch morgens um sieben schon zu kurz gewesen ist, aber mit einem Paar viel zu hoher roter Pumps gleichen wir das geschickt wieder aus.
Als mein gruseliges erstes Jahr vorbei ist, es ist das Jahr 2006, gelingt mir sogar das erste Passing. Ich bin vor Freude ganz aus dem Häuschen und schreibe darüber in meinem Blog. Wenn ich mich in der Folgezeit sorgfältig genug zurechtmache, dann falle ich nicht mehr sofort als T-Girl auf.
In letzter Zeit aber, da hat sich wieder etwas verändert.
Ich bin ein paarmal völlig ungeschminkt und ungestylt zum Einkaufen gegangen, was ich früher never getan hätte. Ich brauche nur schnell ein paar Artikel aus dem Supermarkt und will mich nicht extra komplett verwandeln. Nachlässig ziehe ich mir einen Jeansmini über die Leggings, dazu ein Shirt und ein Paar Ballerinas und gehe eilig das kleine Stück zum SKY-Markt. Ein bisschen mulmig ist mir schon, verstoße ich doch gerade gegen meine Grundsätze, niemals ungestylt aus dem Haus zu gehen und immer die beste Frau zu sein, die ich sein kann.
Vor dem SKY-Markt im Knooper Weg sitzt eine kleine Gruppe Jugendlicher in der Sonne. Sie trinken Cola und langweilen sich. Spießrutenmodus: ON.
Aber nichts geschieht. Absolut nichts. Sie nehmen mich überhaupt nicht besonders wahr und reagieren kein bisschen auf mich. Ich glaube, die haben gar nicht gemerkt, dass sie soeben meinen ExMann getroffen haben.
Point of no Return: Inzwischen müßte ich mich viel mehr anstrengen, um noch als Mann wahrgenommen zu werden, denn umgekehrt. Das ist ein weiterer MileStone in meiner Entwicklung. Ich brauche mich nicht mehr endlos zu verwandeln, bis ich endlich meine Wohnung verlassen kann.
Morgens nach dem Aufstehen sieht mir aus dem Badezimmerspiegel eine verschlafene junge Frau entgegen, die unter ihrer strubbeligen Mähne noch immer etwas überrascht aussieht: "Ja, das bin ich", denke ich dann glücklich und bin dabei noch immer jeden Morgen ein ganz klein wenig überrascht. Kein Wunder, ich bin ja auch erst vier.
Das Coming Out am Arbeitsplatz ist ein besonders kritischer Schritt während unserer Verwandlung. Einfach als Frau zur Arbeit zu erscheinen und den verblüfften Kollegen voller Stolz zu verkünden: "Ich bin ab jetzt die Schantalle", ist dabei nicht der cleverste Weg ans Licht. Ein wenig pfiffiger wollen wir unser Coming Out schon gestalten und zum Glück sind wir dabei nicht alleine. Es gibt nämlich ein paar Institutionen, die uns auf unserem Weg absichernd zur Seite stehen werden. Diese betrieblichen Einrichtungen sind in vielen Firmen der Privatwirtschaft vorhanden und stehen außerdem in jeder Behörde und ihren nachgeordneten Dienststellen den Mitarbeitern des öffentlichen Dienstes zur Verfügung. Ich möchte ein paar Denkanstöße geben, wie wir unser Outing als Transsexuelle möglichst clever vorbereiten und damit zugleich die Gefahr, unseren Job zu verlieren, möglichst gering halten.
Die Gleichstellungsbeauftragte. Sie ist zuständig für die Durchsetzung der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern im Betrieb. Sofern es eine Frauenbeauftragte in der Firma gibt, ist sie unsere erste Ansprechpartnerin. Sie informieren wir als erste über das beabsichtigte Coming Out. Die Gleichstellungsbeauftragte genießt eine ganz besondere Vertrauensstellung. Sie unterliegt der Schweigepflicht und behandelt alle Gesprächsinhalte streng vertraulich.
Die Gleichstellungsbeauftragte ist eine starke Verbündete, wenn es zu Konflikten kommt, die auf die Ungleichbehandlung von Mann und Frau zurückzuführen ist und unter diesem Schutz stehen ab jetzt auch wir. Sollte es in der Zeit nach dem Outing zu Mobbing kommen, dann ist sie unsere erste Ansprechpartnerin. Mit ihr besprechen wir unser weiteres Vorgehen und überlegen gemeinsam, ob sie uns zu weiteren Gesprächen sogar persönlich begleiten soll.
Wie habe ich persönlich damals gehandelt? Ich habe die Gleichstellungsbeauftragte unserer Dienststelle eingeweiht und sie auf das Kommende vorbereitet. Wir sind überein gekommen, dass sie mich nicht zu begleiteten braucht, aber für den Fall einer Eskalation jederzeit erreichbar ist und dann zum Gespräch hinzukommen würde. Das war natürlich nicht nötig und ich sage noch einmal: "Danke, Gaby!"
Der Personalrat oder der Betriebsrat. Das sind mächtige Institutionen, die wir unbedingt ins Boot holen müssen. Letztlich geht es um eine besonders wichtige Personalentscheidung, nämlich um unseren eigenen Job und da hat der Personalrat ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Die Mitglieder des Personalrats unterliegen der Verschwiegenheitspflicht und sind zu besonderem Stillschweigen verpflichtet. Wir können gemeinsam darüber beraten, ob es sinnvoll ist, wenn ein Vertreter des Personalrats uns zu weiteren Gesprächen in die Chefetage begleitet.
Wie habe ich persönlich damals gehandelt? Ich habe den Personalrat nicht mit eingebunden.
Unser unmittelbarer Vorgesetzter. Falls wir zu unserem direkten Chef ein schlechtes Verhältnis haben, gehen wir gleich eine Etage höher. Aber Vorsicht: das Verhältnis zu unserem Chef wird sich dadurch nicht verbessern, weil er sich vermutlich übergangen fühlen wird.
Mit unserem Chef sprechen wir möglichst offen, ohne ihn mit Einzelheiten zu überfordern. Im Idealfall gelingt es uns sogar, ihn zu unserem Verbündeten zu machen, indem wir ihm besonderes Vertrauen entgegenbringen und ihm unsere Befürchtungen anvertrauen: "Die anderen sind vielleicht noch nicht weltoffen und informiert genug, um das zu verstehen." Das wäre die Chance für unseren Chef, sich als weltoffen, tolerant und gut informiert zu zeigen. Je nach Struktur der Firma gehen wir anschließend mit dem kleinen Chef zum großen Chef, bzw. zur Firmenleitung und kündigen dort den bevorstehenden Rollenwechsel an. Um unsere Ernsthaftigkeit zu unterstreichen, sprechen wir auch von der bevorstehenden Vornamensänderung und dass wir demnächst auch amtlich und offiziell Frau Mustermann sein werden.
Wenn wir die Firmenleitung umfassend informiert haben, besprechen wir gemeinsam das weitere Vorgehen. Eventuell wird man unsere Versetzung innerhalb der Firma in eine andere Abteilung vorschlagen. Wir sollten versuchen, das zu vermeiden. In einem fremden Umfeld mit neuen Kollegen werden die ersten Schritte in der neuen Rolle noch schwieriger werden. Außerdem werden die neuen Kollegen sich nicht gerade bedanken, wenn sie "eine strafversetzte Transe" kriegen.
Gemeinsam mit eurem Chef und der Geschäftsleitung besprecht ihr, wir ihr das Coming Out gegenüber euren unmittelbaren Arbeitskollegen und Mitarbeitern gestalten wollt. Das wird das eigentliche Coming Out sein.
Wie habe ich persönlich damals gehandelt? Ich hatte das große Glück, dass mein direkter Vorgesetzter zugleich mein persönlicher Freund gewesen ist. Leider nur bis zu diesem Tag, denn unsere Freundschaft hat meine Verwandlung leider nicht überlebt. Zur Ehrenrettung meines Chefs muß ich aber sagen, dass er sich absolut korrekt verhalten hat und mir sachlich in jeder Hinsicht geholfen hat. Ich wurde nicht versetzt und auch sonst in keiner Weise benachteiligt. Nur mit mir zu tun haben, wollte er danach leider nicht mehr.
Unsere Arbeitskollegen. Das ist das eigentliche Coming Out und ganz bestimmt der schwierigste Part. Inzwischen haben wir unseren Text schon so oft aufgesagt, dass wir schon ein wenig Übung darin haben. Wenn wir diesen letzten Schritt geschafft haben, dann winkt uns als Belohnung endlich auch ein Berufsleben als Frau.
Wir müssen auf jeden Fall für den passenden Gesprächsrahmen sorgen. Es soll dabei kein Telefon klingeln und auch kein Praktikant mit einer doofen Frage plötzlich hereinplatzen. Wir hängen einfach ein Schild an die Tür "Besprechung - bitte nicht stören" und lassen dem Telefon für die Dauer der Besprechung die Luft raus.
Unseren Kollegen sagen wir, dass ihr ihnen etwas wichtiges Persönliches mitzuteilen haben und bitten sie in den Besprechungsraum.
Sowie Ruhe eingekehrt ist, ergreifen wir das Wort und erzählen sachlich und ohne Umschweife von unserer Transsexualität. Wir dürfen dabei ruhig das Bild vom Leben im falschen Körper benutzen. Für Außenstehende ist es recht verständlich und den meisten ist dieser Vergleich schon aus dem Medien bekannt.
Dieses Gespräch wird nicht nur uns etwas peinlich sein, sondern es ist auch für unsere Kollegen ein wenig unangenehm, etwas so Persönliches anhören zu müssen. Deshalb vermeiden wir jedes Pathos und jede Trauer in der Stimme und sprechen möglichst klar und sachlich über unsere bevorstehende Verwandlung. Wir machen aus unserem Coming Out keine Oper, sondern sprechen ganz sachlich davon. Das Ganze ist keine große Angelegenheit. Wir sind eben transsexuell, mehr nicht.
Wir sollten unsere Kollegen ruhig darauf vorbereiten, dass die ersten Monate optisch ein wenig gruselig werden können. Die äußere Umstellung vom Mann zur Frau ist anfangs immer gruselig anzusehen und erfordert von unseren Kollegen eine gewisse Leidensfähigkeit. Wenn ihr es schafft, einen kleinen Joke darüber zu machen, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Ein kleiner Lacher wird das Gespräch an dieser Stelle für alle entkrampfen.
Danach sind wir offen für weitere Fragen unserer Kollegen, aber wir begeben uns auf keinen Fall aufs Glatteis, indem wir Fragen zu unserer Sexualität beantworten. Die geht nur uns selbst etwas an.
Wie habe ich persönlich damals gehandelt? Auf fast jeder Polizeidienststelle findet morgens eine Frühbesprechung statt. Gegen Ende dieser Besprechung habe ich meine Kollegen gebeten, noch einen Moment sitzen zu bleiben, weil ich etwas Persönliches zu verkünden habe. Dann habe ich in recht knappen Worten von meiner bevorstehenden Verwandlung erzählt. Zuerst herrschte ein unangenehmes Schweigen, aber dann haben meine Kollegen so reagiert, wie ich es erhofft hatte. Tenor: "Das ist deine eigene Sache, aber für uns geht das schon in Ordnung und du hast hier im Sachgebiet keine Probleme zu erwarten." Der Bericht darüber war damals übrigens einer meiner ersten Blogbeiträge, klick.
Kunden, Lieferanten, Mitbewerber, benachbarte Dienststellen und Filialen. Da machen wir gar nichts. Auf keinen Fall ziehen wir als reisende Coming Out Show durch die Firma. Wir haben unsere unmittelbare Umgebung informiert und das reicht. Alles andere ergibt sich jetzt von selbst. Nur wenn wir direkt auf unsere Verwandlung angesprochen werden, antworten wir frei und unverkrampft.
Ein ganz besonders wichtiger Punkt ist unsere Arbeitsleistung. Die muß einfach stimmen. Trans darf keine Ausrede für schlechte Leistungen und schon gar nicht für das Fernbleiben vom Arbeitsplatz sein. Never! Ich kenne leider einige Transgender, die auf der Arbeit erhebliche Probleme hatten, ohne dass dafür der Rollentausch die Ursache gewesen ist. Also: Wir erscheinen jeden Tag pünktlich zur Arbeit und versuchen leistungsmäßig sogar noch einen Brikett draufzulegen, besser sogar zwei. Unsere Umwelt soll merken, dass wir jetzt noch leistungsbereiter sind als vorher, weil wir endlich in unserem wahren Geschlecht leben und arbeiten können.
Bitte keine Fehlzeiten aufgrund unserer Andersartigkeit, denn das fällt letztlich auf alle Transsexuellen zurück, die diesen Weg noch vor sich haben. Wir wollen auf keinen Fall als kränklich und nicht belastbar gelten, sondern wollen viel lieber die echten Powerfrauen mit der Kraft der zwei Herzen sein.
Wieso habe ich beim Lachen eigentlich ein Kinn mehr als sonst? Früher hatte ich nur eins. Und was ist mit meinem schwarzen Minikleid von ESPRIT passiert? Mit all meinen Minikleidern? Sollte ich ein wenig zugelegt haben?
Ich stelle mich auf die Badezimmerwaage und mich trifft fast der Schlag: Ich wiege 0,09 Tonnen, genauer 89,3 Kg. "Holy Moly", denke ich. Dabei hatte ich mir doch vorgenommen, nie wieder über 80 Kg zu kommen.
Was ist passiert? Nachdem ich jahrelang fast ohne Kohlenhydrate gelebt habe, bin ich in letzter Zeit schwach geworden. Nudeln, Kartoffeln, Brot und sogar Kuchen hab ich in mich reingeschlungen. Und dazu auch noch Bier getrunken. Shame on Me!
Aber damit ist jetzt Schluß. Ab heute wird wieder straight nach Dr. Atkins gelebt. Sein Buch Diät Revolution, der kalorienreiche Weg zu gesunder Schönheit hat mich begeistert und seine Ideen kommen meiner natürlichen Ernährungsweise perfekt entgegen. Ich esse fast alles gerne, das keine Kohlenhydrate enthält, außer Blumenerde vielleicht ....
"Geben Sie mir die beiden dicksten, schwersten und fettesten T-Bone Steaks die Sie haben." antworte ich dem Verkäufer am Fleischtresen auf seine Frage, was ich gerne hätte. "Nun gut," denke ich, "der Anfang ist gemacht" und packe noch zwei Ofenkäse, ein paar halbe Enten und zwei, oder drei Salamis in meinen Einkaufskorb. Wer abnehmen will muß eben auch bereit sein zu leiden.
Fazit: Ich muß abnehmen. Die Atkins Diät kann ich jahrelang durchhalten und sie funktioniert für mich ganz wunderbar. Ich bin schon sehr gespannt, was ich in den nächsten Wochen hier schreiben werde. Mein erstes Ziel ist es, wieder unter die magische Grenze von 80 Kg zu kommen. Mein Traumgewicht liegt später bei etwa 74 Kg, aber das traue ich mir nicht zu. Außerdem sehe ich dann im Gesicht wahrscheinlich aus, wie eine alte Ledertasche. 89,3 Kg, pöh! Kein Wunder, dass ich in letzter Zeit so faltenfrei bin ....
"Guck mal, was ich hier habe" strahlt Bea mich freudig an und wedelt dabei ganz dicht vor meiner Nase mit zwei Eintrittskarten herum. Mir schwant Böses. Was kommt heute auf mich zu? Eine Schmetterlingsausstellung? Ein Töpferkurs? Wattwandern für Anfänger? "Wir gehen ins Theater. Im Kulturforum gibt es den Diener zweier Herren von Goldoni."
Das Stück klingt wirklich sehr interessant, aber ich bin dennoch ein wenig skeptisch. Die Schauspieler sind keine Theaterprofis, sondern Mitglieder der Theatergruppe des ZIP, des Kieler Zentrum für Integrative Psychiatrie. Die Theatergruppe besteht aus Patienten und Mitarbeitern der Psychiatrie, die unter der Anleitung des Hamburger Regisseurs Jan Stephan Hillebrand gemeinsam Theater spielen. Was mag mich da erwarten? Machen die überhaupt echtes Theater, so richtig mit Bühnenbild, Kostümen und allem das dazugehört? Können die das überhaupt?
Ja, sie können, bin ich mir am Ende der Vorstellung sicher und klatsche mir drei Vorhänge lang die Finger wund. Ich höre sogar vereinzelte Bravo-Rufe und die sind nicht alle von mir allein. Kurzum: Bea und ich sind begeistert.
Ja, die ZIP-Theatergruppe macht richtiges Theater. Ja, es gibt ein professionelles Bühnenbild. Ja, die Schauspieler tragen richtige, echte Kostüme. Ja, ich bin begeistert und werde mir zukünftig jedes weitere Stück der Zipper ansehen.
Ganz besonders beeindruckt war ich von Truffaldino. Winfried, der männliche Hauptdarsteller in der Rolle des pfiffigen Dieners zweier Herren spielt seine Rolle so überzeugend und mit soviel liebenswerter Schlitzohrigkeit, dass ich kaum glauben kann, dass er kein professioneller Schauspieler ist. Seine Leistung heute abend hätte ebenso gut ins Ensemble des Kieler Schauspielhauses gepasst.
Fazit: Die Theatergruppe des Kieler ZIP ist ein echter Geheimtipp für Theaterfreunde. Für wenig Geld erlebt man eine Schauspieltruppe, die aus reiner Freude am Theaterspielen auftritt und das merkt man der Vorstellung in ganz erfreulicher Weise an. Danke für einen tollen Abend.
Damit ihr euch selbst ein Bild machen könnt, habe ich während der Vorstellung im Dunkeln des Zuschauerraums ohne Blitz ein paar unscharfe Fotos gemacht und daraus einen kleinen Theatercomic gebastelt.
"You guys are defenitely driving sissy* cars and drinking sissy drinks!" stellt Butch, mein Kollege aus den Südstaaten der USA trocken fest. Er kann sich mit den kleinen bunten Smarts im deutschen Straßenbild überhaupt nicht anfreunden. Er hält sie für eine Art mobiler Reserveräder, die auf die Ladefläche großer Südstaaten Pickups gehören. Und der Latte Macchiato aus dem Kaffeeautomaten der BKA Kantine ist für ihn ein typischer Sissy* Drink.
Butch sagt das alles mit einem breiten Grinsen und mit soviel Humor, dass man ihm seine fetten Machosprüche überhaupt nicht übel nehmen kann. Er muß schließlich selbst darüber lachen.
Ich glaube allerdings eher, dass Butch noch immer an unserer morgendlichen Vorstellungsrunde zu knabbern hat, als sein männliches Weltbild durch mich einen ernsten Knacks bekommen hat. Bei ihm zuhause gibt es offenbar keine transgendered detectives.
Dabei fängt alles ganz harmlos an. Es ist Montag morgen und ich sitze ganz vorne in der ersten Reihe. Gleich wird die Vorstellungsrunde beginnen und bis jetzt ahnt noch niemand etwas. Butch steht direkt vor mir als er mir mit einem freundlichen Lächeln das Wort erteilt: „Svenja“ liest er von meinem Namensschild ab und es klingt wie „Suenja“.
"Jetzt gehts los" denke ich, denn ich hatte keine Gelegenheit, mir eine weibliche Sprechweise auch auf Englisch anzugewöhnen. Außerdem spreche ich wesentlich tiefer, wenn ich angespannt bin und so verändert sich Butchs Gesichtsausdruck schon nach meinen ersten Worten. Sein Lächeln erstarrt und wird zu ungläubiger Überraschung, als wäre ich soeben vor seinen Augen aus einem Raumschiff geklettert.
„Ok“ denke ich. „Mein Passing ist prima bis zu dem Moment wenn ich was sagen muß. Außerdem klinge ich auf Englisch wirklich total männlich. Daran muß ich unbedingt arbeiten.“
Die ganze Situation ist neu für mich. Zuhause in Schleswig Holstein in „meinem“ LKA bin ich den Kollegen als Svenja schon über Jahre bekannt. Das Umfeld ist mir vertraut und ich fühle mich sicher.
Hier beim BKA bin ich nicht nur die einzige Frau unserer Runde, sondern vermutlich auch die erste transsexuelle Kriminalbeamtin, die viele Kollegen sehen. Trotzdem macht es mir Spaß, mich der neuen Situation zu stellen und dabei auszuprobieren, ob ich auch als Frau meinen Mann stehen kann.
Obwohl meine Woche beim BKA letztlich ganz problemlos verläuft, bin ich abends in meinem Hotelzimmer, wenn die Anspannung nachlässt, doch ein bisschen angeknackst. Jede Bemerkung und jede Geste werden noch einmal hervorgekramt und neu interpretiert. Unsicherheit kommt hoch: "Wie war das gemeint? War das richtig, was ich getan habe? Lachen die Kollegen über mich? Verachten sie mich vielleicht sogar?"
Ich weiß, dass viele Transgender diese Selbstzweifel haben und dass wir lernen müssen, sie zu überwinden. Ich schaffe es und wache in dieser Woche jeden Tag erholt und topfit auf. Außerdem macht es Spaß, morgens das kleine Stück vom Hotel zum Dienst zu stöckeln. Gleich am ersten Morgen habe ich außerdem ein mächtiges Zeichen bekommen: Ich trete aus dem Hotel auf die Straße und die erste Frau, die mir begegnet, trägt das gleiche Kleid wie ich und dazu die hohen schwarzen Buffalos, die ich in pink habe. Also wenn das kein gutes Omen ist :-)
Fazit: Dass es als Transgender im Berufsleben nicht immer einfach sein würde, das habe ich vorher gewußt und gerade deshalb war diese Woche für mich ein Erfolg. Ich habe mich einer neuen Situation gestellt und sie vernünftig und ohne Ausfälle durchgestanden.
Die Schwierigkeiten kommen oft aus mir selbst heraus und werden durch Unsicherheit und Selbstzweifel verursacht. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass andere Menschen weniger Probleme mit uns haben, als wir Transgender mit uns selbst. Trotzdem würde ich nicht einen Arbeitstag wegen Trans zuhause bleiben. Außer natürlich, ich hätte einen richtig fiesen Pickel mitten auf der Nase, aber das würde dann ja wohl auch jeder verstehen ... *sissy: weibisch, tuntig. Eine abfällige Bezeichnung für Männer in Frauenkleidern und allgemein als Schimpfwort für schwache Männer und für Schwule gebräuchlich
Nachtrag: Offensichtlich habe ich mich etwas missverständlich ausgedrückt, deshalb dieser kleine Nachtsatz. Ich habe mich in der Vorstellungsrunde nicht geoutet, sondern meine Stimme hat mich weggegeben. Das eigentliche Outing liegt schon vier Jahre zurück und geschahhier ....
Es passiert immer wieder, dass ich Dinge und Situationen zum ersten Mal als Frau erlebe. Das geht zwangsläufig allen Transsexuellen so. Diese "First Timer" sind für mich ziemlich spannend und in jedem Fall etwas ganz Besonderes. Vom Einkauf bis zum Arztbesuch hat es in den letzten Jahren schon alle möglichen "ersten Male" als Svenja gegeben und inzwischen hat alles eine angenehme Normalität erlangt und ist schnell zur Routine geworden.
An diesem Sonntag aber erwartet mich ein ganz besonderer First Timer: Ich fahre zum Bundeskriminalamt nach Wiesbaden und werde dort eine Woche lang bleiben. Als Sven bin schon häufiger beim BKA gewesen, aber das ist lange her. Diesmal reise ich zum ersten Mal als KHK'in Svenja zu den Kollegen nach Wiesbaden.
Ich fahre allein und die Kollegen, mit denen ich diesmal zu tun haben werde, kennen mich nicht. Sie wissen nur, dass ich eine Kollegin vom LKA aus Schleswig-Holstein bin.
Das ist für mich eine neue und besondere Situation. Ich kann mit Leuten zusammenzuarbeiten, die mir noch ganz unvoreingenommen begegnen. Für die bin ich keine TransFrau, sondern einfach eine Kollegin aus Kiel.
Mit den Kollegen meiner Stammdienststelle verhält sich das ganz anders. Sie akzeptieren mich zwar als Svenja, aber sie werden mich niemals wirklich als Frau wahrnehmen können: "Wo ist eigentlich Svenja? Ach, da kommt er ja gerade." Mehr als einmal pro Woche bekomme ich ein solches "Er" zu hören. Mein Passing unter Freunden, Bekannten und Kollegen ist nicht so dolle.
Umso mehr freue ich mich über den Umgang mit Menschen, die mich erst jetzt ganz neu kennenlernen. Solange wohlmeinende Kollegen sie nicht wieder "vorwarnen", werden sie vermutlich den ExMann in mir nicht bemerken. Für eine Frau bin ich zwar ein wenig groß geraten und habe auch eine ungewöhnliche Stimme, aber die haben andere Frauen auch.
Ich bin gespannt auf meine Dienstreise zum BKA. Dort erwartet mich eine interessante Aufgabe und ich hoffe, dass ich dabei auch ein wenig was in die Suppe zu krümeln habe. Ich werde die einzige Frau im Team sein und bin schon jetzt gespannt, wie sich die Zusammenarbeit gestalten wird.
Für mich ist diese Reise neben dem dienstlichen Aspekt auch eine tolle persönliche Chance, um zu überprüfen, wo ich als Frau stehe. Wie weit bin ich gekommen? Wie lange hält mein Passing?
Es könnte klappen. Drückt mir die Daumen. Ich werde auf jeden Fall nachberichten.
"Manchmal hasse ich es, immer Recht zu haben", denke ich bei mir, als ich auf meinen nagelneuen pinken Keilsandaletten die Waisenhofstraße entlangstöckele. "Natürlich sind die Korksohlen total bequem. Genau wie ich es vorhergesagt habe. Und 95mm Absätze sind kein bisschen zu hoch. Außerdem ist Kork ja leicht und ich finde, diese Pantoletten tragen sich fast so bequem wie Sneakers."
Ich muß an diese BirkenstockGirls denken, die ich immer bei PLAZA sehe. Die tragen doch auch alle Korksohlen und schwören sogar darauf. Obwohl es mir völlig rätselhaft ist, wie ein Mensch sich damit außerhalb seiner eigenen vier Wände bewegen kann. Ich geh ja auch nicht im Nachthemd zu PLAZA. Obwohl, in dem kurzen Rosanen ....
Fazit: Buffalo hat mit diesem Schuh die modische Entsprechung eines Birkenstock Bequemschuhs geschaffen. Wer also auf robustes, bequemes Schuhwerk angewiesen ist und dabei noch einen kleinen modischen Akzent setzen will, der sollte jetzt zugreifen. Der Schuh ist im Buffalo Online Shop in sechs wunderschönen Farben erhältlich. Preis: 19,90€
"Oh." denke ich. "Die sehen ja schön aus. Und so bequem. Damit kann ich bestimmt gut zum Einkaufen gehen. Und in die Disco natürlich. Und zur Arbeit Gartenarbeit. Und wenn ich mal den Keller aufräumen muß. Und und und. Ein echter Allroundschuh eben. Robust und bequem. Nicht so'n blöder Tussi Schuh."
Meine rosa Teenyphase ist jetzt zwar schon eine ganze Weile her, aber bei diesen rosa Buffis werde selbst ich schwach. Die sind ja fast noch süßer, als ein Hello Kitty Sahnebonbon. Seit Monaten schon stehen sie ganz oben auf meiner Wunschliste. Aber 39,90 €? Puh, das war bis jetzt nicht drin.
Plötzlich entdecke ich die Biester im Görtz Onlineshop für 12,48 € und klicke mit zitternden Fingern auf In den Warenkorb und dann sofort auf Bestellung senden. Bei meiner Kreditkarte vertippe ich mich dreimal vor Aufregung.
Jetzt warte ich jeden Tag auf den Briefträger und hab genug Zeit, mir die Füße zu machen. Sowie die Biester hier sind, gibt es einen ausführlichen Testbericht mit den Trageeigenschaften und allen technischen Daten. Und falls ich damit noch schnell genug bin auch ein Foto mit Selbstauslöser :-)
Vier Jahre lang habe ich mir Mühe gegeben, auch äußerlich endlich eine Frau zu werden. Ich hab epiliert, gelasert, geschminkt, gecremt, gepudert, getuscht, camoufliert, ich habe Hormone genommen, die Pille geschluckt, die neueste Trendmode bei Neckermann bestellt, meine Stimme trainiert, hab mir die Haare wachsen lassen, bin gestöckelt, gestolpert, wieder aufgestanden. Ich hab getanzt, gelacht, geweint, mich tausend Mal blamiert, nichts ausgemacht und bin weiter gestöckelt.
Es hat sich fast alles in meinem Leben verändert. Dabei bin ich innerlich derselbe Mensch, der ich immer war, auch wenn äußerlich kein Chromosom auf dem anderen geblieben ist.
Ich muß oft lachen über all die verrückten kleinen und großen Dinge, die sich in meinem neuen Leben als Svenja verändert haben.
Du weißt, dass du endlich eine Frau bist, wenn ...
- wenn dir neue Schuhe plötzlich wichtiger sind als ein neues Auto.
- wenn du schlagartig die Hälfte deines Vokabulars eingebüßt hast,
darunter deine besten Schimpfworte.
- wenn du dafür plötzlich süß sagen kannst, ohne deshalb merkwürdige Blicke zu ernten.
- wenn das Pinkeln plötzlich eine halbe Stunde dauert, weil du
für ein simples Grundbedürfnis auf einmal anstehen musst.
- wenn du dich nicht mehr im Gesicht kratzen kannst, ohne dass du
danach dringend einen Spiegel brauchst.
- wenn du morgens eine Stunde früher aufstehen musst,
nur um pünktlich zur Arbeit zu kommen.
- wenn du nicht mehr deine komplette Oberbekleidung im Supermarkt einkaufen kannst.
- wenn du heute für ein Paar Schuhe mehr Geld ausgibst,
als früher für eine neue Grafikkarte.
- wenn du die Frage nach einem Auto nicht mehr mit Modell und Baujahr beantwortest,
sondern mit dessen Farbe.
- wenn du nicht mehr so einfach jede Diskussion beenden kannst,
indem du mit rollenden Augen stöhnst: „Weiiiber!“
- wenn du eine Handtasche tragen kannst, ohne gleich
für einen Lavendeltarzan gehalten zu werden.
- wenn niemand mehr von dir erwartet bei einer Kneipenprügelei den ersten Barhocker
in den großen Spiegel hinterm Tresen zu schmeißen.
- wenn dein blöder BH dich genauso einengt, wie früher dein Schulterholster
mit 2 Reservemagazinen, ohne auch nur halb so cool zu sein.
BioFrauen* werden es vermutlich nie so zu schätzen wissen wie ich und wie andere MzF* Transsexuelle, aber es ist einfach toll, eine Frau zu sein.
* BioFrau: ist schon als Frau auf die Welt gekommen: Echte Doppel-X Chromosomen, echter Busen, echte Cellulitis
"Oh, no!", denke ich, als ich den fröhlich grinsenden Geronten auf mich zukommen sehe. Schon wieder so ein glücklicher TransenErkenner, der sich ganz doll über seine große Entdeckung freut und sie gleich mit der ganzen Welt teilen wird. "Faszinierend", ruft er unentwegt aus und ich denke sofort an Mister Spock. Nur dass ich eben nicht Uhura bin.
Bea steht währenddessen scheinbar unbeteiligt daneben und betrachtet konzentriert ein Angebot mit Arztsocken für 3,99€. Nur ihr Grinsen verrät, daß sie aufmerksam zuhört, denn es droht jeden Moment ihre Ohren zu fressen.
Ich stehe bei PLAZA in Kiel kurz vor der Kasse und der aufdringliche Geront kommt wie ein Zombie unbeirrbar immer näher. Ein Ausweichen ist jetzt schon nicht mehr möglich. Es ist mein freier Tag und der Morgen fing so wunderbar an. Wie soll ich mich verhalten?
"Faszinierend, einfach faszinierend. Ihre Stimme, meine ich. Faszinierend diese Stimme" sagt der freundliche ältere Herr und ich merke, wie ich ihn auf Anhieb in mein Herz schließe. "Welch ein charmanter Typ", denke ich bei mir. Ein echter Gentleman. Mir war er auf den ersten Blick sympahisch.
Mit einem charmanten Lächeln schiebt er seinen Einkaufswagen in Richtung Obst und Gemüse davon. Ich bleibe verblüfft und ein bisschen beschämt zurück. Während ich schon in Gefechtsstimmung war, wollte dieser nette Mensch mir nur ein ehrliches Kompliment für meine ungewöhnliche Stimme machen. Er ist offensichtich gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich mein eigener ExMann sein könnte. Vermutlich hat er mich für eine XXL-Version von Zarah Leanders Enkeltochter gehalten.
Und zum ersten Mal find ich meine Stimme selbst ein bisschen gut und nicht mehr viel zu männlich, auch wenn mich Fremde am Telefon immer noch als "Herr Svenja" anreden
Fazit: Wenn das optische Passing gut ist, wird die etwas dunklere und eher männliche Stimme von Fremden als dunkel und rauchig, aber weiblich wahrgenommen. Weil der optische Reiz am Telefon aber fehlt, bin ich dort für Fremde auch weiterhin Herr Svenja. Aber damit kann ich gut leben.
PS: und ich muß endlich etwas entspannter werden. Meine größte Angst sind doof Sprüche von ätzenden Typen, mit denen ich dann eine Hauerei anfangen muß, die ich in Stöckelschuhen schwer gewinnen kann.
"Du hast ja ne Unterbrustfalte!", prustet Bea unvermittelt mit voller Lautstärke los. Vor Schreck schütte ich ein wenig von meinem Kaffee über die Spiegeleier. Aber natürlich freue ich mich darüber, dass auf diese Weise auch die übrigen Gäste in der Bodega-del-Sol über meine neueste körperliche Entwicklung informiert werden.
"Was zum Fiffi ist eine Unterbrustfalte und ist das gut, oder schlecht?" frage ich zurück. Das Wort Unterbrust klingt schon so merkwürdig und Falte trägt auch nicht zu meiner Beruhigung bei. Mein Argwohn ist geweckt.
Die Gespräche an den Nebentischen sind mittlerweile verstummt. Man wartet gespannt auf Beas Erklärung. Es ist nicht zu übersehen, dass allgemein in die Richtung geschaut wird, in der diese ominöse Falte am ehesten zu vermuten ist.
"Na ja," sagt Bea, "das ist so eine Falte unterm Busen, die entsteht, wenn er größer wird und nicht mehr wie bei einer 13-Jährigen aussieht." Und während ich die stummen Glückwünsche der Herrenrunde am Nebentisch entgegennehme, fügt Bea unnötigerweise hinzu: "Aber du hättest trotzdem ruhig einen BH anziehen können."
An dieser Stelle hätte Sven früher die Augen verdreht und nur gestöhnt: "Weiiiiber ...!" aber inzwischen kommt mir das unpassend vor und ich murmele nur lahm: "Zum Neckholder sieht BH doof aus."
Fazit: Ich habe als Transsexuelle wirklich unglaubliches Glück, denn einen künstlichen Brustaufbau mit Silikon werde ich nicht brauchen. Die weiblichen Hormone sind so wirksam, dass die Brüste auch nach mehr als zwei Jahren Hormontherapie noch immer weiter wachsen. Die Kombination aus Estreva Gel und Diane 35 funktioniert ausgezeichnet und wird von mir sehr gut vertragen.
"Los, iß mich doch, wenns dir schmeckt", höhnt mir die teure Antifaltencreme von Nivea entgegen, als ich hungrig in meinen gähnend leeren Kühlschrank schaue. Es ist der 30. des Monats und mein Gehalt kommt erst morgen.
"Na, gut, eine Bestellung bei Mr.Dick fällt aus", denke ich und mache eine kurze Bestandsaufnahme. "Was habe ich noch?"
Das Eisfach ist leer, Fehlanzeige. Dann gibt es da noch eine halbe Dose Trockenpflaumen und ein antikes Glas Marmelade. Nein, beide haben seit Monaten jeden 30. überstanden und inzwischen häng ich an den Beiden. Und außerdem esse ich weder Marmelade noch Trockenobst.
Ich könnte mir einen leckeren Eintopf aus Grillsaucen kochen, aber so ganz ohne Fleisch sind Grillsaucen ein Witz und mein Magen knurrt nur noch lauter.
Wenigstens habe ich noch eine ganze Flasche Pernod und eine halbe Flasche XuXu. Pernod mag ich nicht und von XuXu krieg ich Kopfschmerzen. Ob ich mal ein ernstes Gespräch mit meinem Freund Herrn Owusu über den Hunger in der Welt führen soll? Nein, auf sein verlogenes Mitgefühl hab ich heute nun wirklich keine Lust.
Gerade noch rechtzeitig entdecke ich eine Dose Erbsensuppe im Küchenschrank. Die steht da zwar schon ein Jahr, aber mir ist nie aufgefallen, wie sexy die eigentlich aussieht. "Heute bist du dran, Baby!" denke ich und stelle die Schnellkochplatte auf 3. Ein echter Fortschritt zu früher übrigens, denn Sven hätte das Zeug im Stehen kalt aus der Dose gelöffelt. Während ich stilvoll die heiße Erbsensuppe löffele und mir sogar eine Serviette gefaltet habe, träum ich von morgen. Morgen gibts Geld und dann sieht mein Kühlschrank wieder so aus:
Wortlos überreicht mir die beste Kollegin von allen den kleinen Buchstabierkasten aus Holz. "Svenja ist eine blöde Q", steht darin zu lesen.
"Klasse," denke ich, "jetzt werde ich sogar schon als Frau beschimpft. Das ist ja super" und freu mich total über diesen ungewöhnlichen Ausdruck weiblicher Akzeptanz. Das ist schon das zweite Mal, dass ich eindeutig als Frau beschimpft werde. Ein wütender Teenie schreibt mir auf eine Restaurantkritik: "Svenja du scheiß Bitch. Kauf dir Geschmack!" Ich bin begeistert. "Passing extreme", denke ich und freue mich über meine erste Bitch. Also nicht meine allererste Bitch, aber das erste Mal, dass ich damit gemeint bin. Nein das wird zu kompliziert. Die Erklärung überspring ich lieber. Treibsand!
Manchmal sind es kleinste Kleinigkeiten, die sich in meinem neuen Leben als Svenja verändert haben. "Sven wäre bestenfalls ein alter Blödmann gewesen, aber ich bin jetzt eine blöde Kuh", denke ich voller Stolz.
Insgeheim weiß ich natürlich, dass Bea mir nur eine Freude machen will und nicht wirklich sauer ist. Schließlich habe ich nicht mehr getan, als ihr megaleckeres Abendessen mit den Worten "schmeckt ganz ok" zu loben.
Morgen sag ich mal was über Beas Frisur. Mit etwas Glück locke ich noch eine "Alte Zicke" aus ihr heraus.
"Wieviel Paar Schuhe hast du? Hundert? Das kann doch wohl nicht wahr sein." entrüstet sich ein Kollege, als ich ganz beiläufig auf Schuhe zu sprechen komme. "Aber davon sind 20 Paar nur Stiefel" versuche ich ihn zu beruhigen. Mit einem gemurmelten: "Du spinnst total" lässt er mich stehen und trottet zurück in sein Büro. "Typisch Jungs", denke ich: Könnten fünf Stunden lang in sechs verschiedenen Baumärkten abhängen, um den perfekten Akkuschrauber zu suchen, aber für die Wichtigkeit von Schuhen haben sie keinen Sinn. Mit dem Schuhe kaufen ist es ohnehin eine ganz merkwürdige Angelegenheit. Gerade dann, wenn das Geld am knappsten ist, wird meine ShoeShopMania am größten. Auf dem Foto hätte ich die letzten 20 € besser zu ALDI getragen, aber trotzdem hab ich lieber das vierzehnte Paar Ballerinas nach Hause geschleppt. Wer weiß denn, ob sie die nächsten Monat noch in 41 da haben.
Deichmann ist mein Schuh-ALDI. Sicher würde ich meine Ballerinas, Pumps und Stiefel auch lieber bei Buffalo und Görtz17 kaufen, aber das krieg ich nicht immer hin. Außerdem sind Schuhe viel zu trendy und daher ebenso schnell wieder OUT. Dann geh ich damit nicht mal mehr den Müll runterbringen und verkauf sie stattdessen schnell wieder auf eBay. Neuer Platz, neues Geld, neue Schuhe.
Erst letzte Woche hab ich mir bei Deichmann ein wunderbares Paar brauner Booties gekauft. Cognacbraun, flache Sohle und passen perfekt zum Jeansmini. "Wie bitte? Ich hab doch schon sieben Paar braune Stiefel? Na und? Ich hab auch 20 Jeansminis. Was hat das denn damit zu tun, bitte? Ich seh den Zusammenhang gar nicht." Nur weil eine Frau schon weiße Peeptoes mit Keilabsatz hat, heißt das noch lange nicht, dass sie kein weiteres Paar kaufen wird. Oder zwei, oder fünf.
Falls BioFrauen mitlesen: könnt ihr bitte irgend etwas davon bestätigen, um mich ein bisschen besser fühlen zu lassen? Und die Männer dürfen gerne ein paar erhellende Worte loswerden zu ihrem merkwürdigen Hang, Baumärkte heimzusuchen. Das ist nämlich wirklich nicht leicht zu verstehen. Bitte nehmt an der Abstimmung oben rechts teil, ja?
Ich liebe es, am Samstagmorgen durch die Holtenauer Straße zu bummeln. Das ist mir viel lieber als die Hektik der großen Deichmann Esprit H&M Fußgängerzone der Innenstadt. Dort gibt es ja nicht mal mehr ein Lebensmittelgeschäft. Nein, Samstags will ich bummeln und dafür geh ich viel lieber holtenauern. Das heißt natürlich nur, falls ich nicht eine Stunde vor Ladenöffnung erst nach hause gekommen bin. Doch das geschieht eher Sonntags und dann haben die Geschäfte sowieso zu.
In der Wilhelminenstraße komme ich an dem Strandgut vorbei, das die Bergstraße über Nacht an Land gespült hat. Ein halb aufgefressener Döner in Alufolie, zwei zerschlagene Flaschen Beck's Gold, der abgeknickte Seitenspiegel eines nagelneuen Golf und natürlich ein oder zwei frische Graffitis. Nachts ist hier keine gute Gegend und am Sonntagmorgen wird es noch schlimmer aussehen.
Aber heute morgen freue ich mich auf die Holtenauer Straße mit ihren vielen kleinen inhabergeführten Geschäften. Vor einiger Zeit ist der Bürgersteig mit einem Glasdach überspannt worden und seitdem stöckele ich bei jedem Wetter geschützt unter den Arkaden entlang. Vorbei an dem türkischen Obstladen, dem kleinen Strumpfgeschäft mit der süßen Verkäuferin und ihrer sexy Auslage und natürlich vorbei an dem Antiquitätenladen, in dem ich das kleine Silbertablett gekauft habe.
Vorbei auch an den neuen, stylishen Straßencafés, dem N.I.L und dem Non Solo Pane, wo Schicki und Micki ihren Latte schlürfen und einige mich im Vorbeigehen durch riesige Sonnenbrillen mustern. Ein wenig erinnern sie mich dabei an Stubenfliegen.
Heute trinke ich meinen Kaffee bei Arko. Für nur einen Euro kann ich draußen sitzen, Kaffee trinken und Leute gucken. Ich liebe das. Und natürlich lästere ich kein Stück: "Wow, hast du die Treter von der Blonden gesehen? Die kann doch wohl nur 'ne Geisel sein, oder?!?."
Ein kleines Stück weiter dann Achim Freund, mein Lieblings Supermarkt. Hier kaufe ich fast alle Lebensmittel ein. Allerdings erst auf dem Rückweg, denn heute morgen will ich noch weiter zu Tchibo Prozente. Ich warte immer noch darauf, dass sie diese tollen Klimastrumpfhosen endlich wieder reinbekommen.
Unterwegs treffe ich Ingrid mit ihrer Drehorgel, die bei gutem Wetter zum Straßenbild der Holtenauer gehört. Wir wechseln ein paar Worte bevor ich in meinen Ballerinas, Jeansmini und Leggings langsam weiterbummele. Schon aus einiger Entfernung entdecke ich meine Freundin Claudia. Sie ist auch ein T-Girl und noch ein gutes Stück größer als ich. Zwischen Claudia und mir gibt es ein stummes Gentlegirl's Agreement: Wir gehen immer alleine holtenauern, auch wenn wir beinahe Nachbarn sind. Falls wir uns aber unterwegs irgendwo treffen, und das geschieht fast immer, dann trinken wir zusammen einen Kaffee und schlendern danach gemeinsam weiter. Ich brauch morgens die ersten ein, zwei Stunden ganz für mich alleine.
Nach knapp drei Stunden bin ich wieder zuhause und denke: "Wie gut, dass ich heute Ballerinas anhatte und keine Pumps." Meinen kleinen Einkauf kann ich bequem in ein, oder zwei Tüten nachhause tragen. Viel brauche ich nicht. Eine halbe Ente von Wiesenhof, zwei kleine Ofenkäse und natürlich eine Flasche Blanchet.
Transfaktor: Die Holtenauer Straße ist perfekt geeignet, um tagsüber als T-Girl auch ohne perfektes Passing einkaufen zu gehen. Die Typen, denen wir lieber nicht begegnen möchten, sind dort kaum zu sehen. Die findet man eher in der Fußgängerzone und im Sophienhof. Damit ist die Holtenauer Straße auf jeden Fall mein Tipp für Transsexuelle, die tagsüber in Ruhe bummeln und shoppen gehen wollen. Leider ist das Pflaster schon ziemlich alt und ich würde nicht gerade meine besten Stilettos anziehen. Sonst passiert euch das hier.Am Sonntag lohnt sich sogar der weite Weg bis in die Wik zu meinem Lieblingscafé, der alten Café Konditorei Pursche. Aber lest selbst ...
Manchmal geht es mir schlecht. So richtig schlecht. Dann ist mein Leben ein finsteres Loch und das Leid steht mir bis zum Hals. Wenn ich jetzt den Kopf hängen lasse, dann ertrinke ich in meinem eigenen Elend.
Für solche Anlässe habe ich Herrn Owusu erfunden. Herr Owusu kommt aus Burundi. Das ist ein kleines Land in Afrika. Da scheint immer die Sonne. Viel weiß ich nicht über Herrn Owusu, aber für meine Probleme hat er immer ein offenes Ohr. Herr Owusu ist ein sehr mitfühlender Mensch und wenn es mir schlecht geht, dann ist er ein verständnisvoller Zuhörer.
Herr Owusu: "Svenja, du siehst so traurig aus, was ist los?" Ich: "Ach, mir geht's nicht gut." Herr Owusu: "Oh, ich kenne das. Bestimmt hast du großen Hunger und ganz lange nichts gegessen." Ich: "Nein, das ist es nicht. Mein Kühlschrank ist immer voll mit Sachen, die ich total gerne mag. Außerdem kann ich mir doch einfach bei Mr.Dick was bestellen, wenn ich Hunger kriege."
Herr Owusu überlegt kurz. Dann sagt er: "Oh. Dann bist du krank? Das ist sehr schlimm. Meine kleine Schwester Jamila ist gestorben letzten Sommer. Sie war krank und Medizin ist teuer. Der Doktor ist zwei Tage weit weg. Meine süße Jamila ist einfach eingeschlafen. Ich konnte ihr nicht helfen. Krankheit ist sehr schlimm. Ich bete für dich, Svenja." Ich merke, wie Owusu anfängt, mir allmählich auf die Nerven zu gehen: "Nein, mach dir keine Sorgen, Herr Owusu. Ich bin kerngesund, mir fehlt nichts. Außerdem sind ein Dutzend Apotheken in der Nähe und Medikamente kriege ich sogar umsonst." Herr Owusu: "Aber du mußt bestimmt weit reisen bis zu einem klugen Doktor." Ich: "Aber nein, mein Arzt wohnt fast nebenan. Aber stell dir mal vor: einmal hat er mich eine volle Stunde warten lassen, bevor ich endlich dran kam. Ich hatte so'n Hals, sag ich dir." "Ja", erwidert Herr Owusu. "Das muß sehr schlimm gewesen sein."
Herr Owusu versucht es erneut: "Jetzt weiß ich, was du hast: bestimmt hast du keine Arbeit, oder du musst schuften und dein Chef ist immer sehr böse zu dir." Ich: "Sag mal, spinnst du, Jammy?" So lautet Herrn Owusus Vorname "Ich hab eine total gute Arbeit. Ich bin Beamtin. Sogar auf Lebenszeit. Das heißt, man kann mir gar nicht kündigen."
Herr Owusu: "Oh, aber du verdienst bestimmt sehr wenig und du mußt jeden Tag viele Stunden gehen zu deiner Arbeit. Und erst kurz vor Mitternacht kommst du müde zurück." Langsam werde ich sauer: "Sag mal, Jammy. Willst du mich einfach nicht verstehen? Ich verdiene Geld genug und ich habe auch ein eigenes Auto. Damit fahre ich jeden Morgen vier Minuten zur Arbeit, einfach weil ich keinen Bock hab, 20 Minuten zu laufen. Das geht gar nicht. Aber du hast schon Recht: Ich muß tatsächlich fünf Tage die Woche schuften und manchmal bin ich sogar erst gegen 16 Uhr zu Hause."
"Oh", sagt Jammy und ich kann seine Miene nicht recht deuten. "Jetzt hab ich's!" ruft er mit einem Leuchten in seinen Augen. "Weil du transsexuell bist, hast du immer Angst. Wenn die Polizei dich erwischt, dann sperren sie dich ein und sie schlagen dich und du kannst sogar Todesstrafe kriegen. Und deshalb hast du auch keine Freunde, damit dich keiner verraten kann. Oh, endlich versteh ich dich." ruft er mit breitem Grinsen und sieht dabei so froh aus, weil er glaubt, mich endlich verstanden zu haben.
Ich spüre, wie ich immer saurer werde: "Mensch, Owusu! Ich hab langsam das Gefühl, du verstehst überhaupt nichts. Ich bin doch selbst bei der Polizei. Ich arbeite doch inzwischen sogar als Frau, als Polizistin. Und außerdem ist es doch wohl nicht verboten, trans zu sein. Wo kommst du denn her? Und Freunde habe ich auch. Die kennen mich alle als Svenja und es ist völlig ok."
"Oh", sagt Herr Owusu erneut und sieht mich traurig an.
Langsam frage ich mich, ob Herr Owusu wirklich so einfühlsam ist, wie ich bisher geglaubt habe. Nun ja, Er hat gut reden, schließlich hat Er nicht meine Probleme. Bei ihm zu Hause scheint ja auch immer die Sonne.
Ob ich mitgehe zum Poetry Slam, fragt mich die beste Kollegin von allen. "Ach bitte, das ist auch echt total toll." fügt Bea hinzu, als sie mein Zögern bemerkt.
Dabei zögere ich nur, weil ich nicht die geringste Ahnung habe, was das überhaupt für ein Biest ist, so ein Poetry Slam. Doch Bea klärt mich auf: Der Poetry Slam ist eine Dichterschlacht, bei der Poeten mit selbstgeschriebenen Texten gegeneinander antreten. Jeder kann mitmachen und hat sechs Minuten Redezeit. Die Texte können lustig oder traurig sein, Prosa oder Poesie. Am Ende entscheiden eine Jury und der Applaus des Publikums über den Sieger des Abends.
In Gedanken wäge ich Chancen und Risiken der Veranstaltung gegeneinander ab. Pro: ich verbringe vielleicht einen total netten Abend mit Bea und kann außerdem mein neues Vero Moda Strickminikleid ausführen. Contra: vielleicht ist so ein Dichterwettstreit grottenlangweilig und der Weißwein dort schmeckt wie Laternenpfahl ganz unten. Ich kann das jetzt noch nicht wissen, aber am Ende wird eines der beiden Contras fett zutreffen!
Ich bin skeptisch, aber mit einem langgezogenen „okeeeh“ verspreche ich Bea, sie zu begleiten. Ich merke selbst, wie dünn das klingt und lege schnell noch einen nach: „Ich freu mich schon total darauf.“ Ich hüstele und fasse mir dabei unauffällig an die Nase. Nein, sie ist nicht länger geworden.
Der Poetry Slam findet in der Kieler Schaubude statt. Als der Laden gegen 21 Uhr öffnet und wir durch den schweren schwarzen Vorhang treten, erwartet uns eine dichte, dunkle Clubatmosphäre. Welch ein cooler Laden, denke ich und fühle mich auf Anhieb wohl.
Die Leute drängen herein und schon nach wenigen Minuten ist die Schaubude bis auf den letzten Platz besetzt. Viele hocken einfach vor der Bühne auf dem Fußboden. Andere sitzen in den Fensterbänken der großen Außenscheiben, die mit Holz vernagelt sind. Kein natürlicher Lichtstrahl dringt herein und Stühle gibt es kaum.
Mit geübtem Blick finden wir zwei sehr gute Plätze an der Bar. Von hier aus haben wir freie Sicht auf die Bühne, auch wenn wir leider stehen müssen. Ich trage meine bequemen Ballerinas, doch Bea in ihren hohen schwarzen Pumps muss ganz schön leiden. Das hier ist eindeutig Chucks Country, denke ich.
Endlich geht es los und ein langer, schlaksiger Typ betritt die Bühne. Es ist Björn Högsdal, der Veranstalter des Slam. Mit seiner lockeren Art zieht er das Publikum schnell auf seine Seite. Der erste Poet hat es am schwersten, weil das Publikum noch kalt ist. Björn wirft sich daher vor Beginn mit einem eigenen Text außer Konkurrenz ins Feuer. So schlägt er gleich fünf Fliegen mit neun Klappen: er bringt das Publikum in Stimmung und kann dabei seine neuen Texte ausprobieren.
Nacheinander treten jetzt die Poeten auf die Bühne. Sie stehen dort ganz allein nur mit ihrem Text und mit sich selbst. Ich würde bewußtlos werden vor Lampenfieber. Doch die Poeten an diesem Abend sind erfahrene Slammer und wirken völlig cool. Die verrückten anarchisch lustigen Texte von Team & Struppi machen es uns leicht. Die beiden sind mega witzig und Bea tropfen die Lachtränen nur so in den Ausschnitt.
Ein anderer Blogger hat sich einmal beschwert, das Publikum sei zu laut gewesen, doch bei Anke Fuchs Auftritt „Was wisst ihr schon davon“ wird es still in der Schaubude und das Lachen bleibt mir im Halse stecken. Poetry Slam ist nicht StandUp Comedy, auch wenn viele lustige Texte vorgetragen werden. Seht euch das Video an, dann habt ihr einen perfekten Eindruck von der besonderen Atmosphäre beim Poetry Slam.
Am Ende bin ich so begeistert von meinem ersten Slam, dass ich sogar vergessen habe, wer gewonnen hat. War es der nette Junge aus der Schweiz? Oder war es Anke? Ich weiß es nicht mehr und es ist auch nicht wichtig, denn die Poeten waren alle klasse.
Nicht vergessen aber habe ich den Weißwein, mit dem ich absolut Recht behalten sollte. Die Auswahl beschränkte sich auf den nehme ich oder den nehme ich nicht, aber schmecken tat der Wein fast genauso mies wie in der BAZILLE. Jungs, das Zeug ist schlimmer als jeder Glykol Verschnitt aus'm TetraPack. Das muss unbedingt besser werden.
Fazit: Falls euch mal irgendwann eine Bea fragt, ob ihr mit zum Poetry Slam gehen wollt, dann erwarte ich ein begeistertes: „Hurra, na klar!“ Macht es einfach, es lohnt sich wirklich. Wir sehen uns beim nächsten Slam.
Transfaktor: Eins Plus. Das Publikum sind überwiegend Studenten. Tolerant, weltoffen und außerdem total mit sich selbst beschäftigt. Als T-Girl könnt ihr ganz beruhigt dorthin gehen. Es ist ganz sicher lustig und ihr braucht keine Angst vor dummen Sprüchen oder vor Anfeindungen zu haben.
"Habt ihr Pimmel?", fragt mich eine junge Frau ohne jede Vorwarnung. Sie sieht aus wie Senna von der Band Monrose und schaut dabei neugierig auf meine Brüste. Distanzlose Menschen begeistern mich. Sie kommen ohne Umwege direkt auf den Punkt und lassen sich durch überholte Konventionen von Höflichkeit und Anstand in keiner Weise behindern. Wortlos drehe ich mich um und lasse die blöde Tussi stehen.
Lange hatte ich gezögert, überhaupt auf die Kieler Woche zu gehen. Für Transsexuelle ist diese Mischung aus Volkes Nähe, Alkohol und Multikulti manchmal sehr unangenehm. Als ich vor zwei Jahren mit meiner Freundin und ihrer Tochter an einem Bierstand vorbeischlenderte, riefen mir ein paar besoffene Typen vom Bierstand hinterher: "Ey, Schwuchtel!" Ich habe mich damals furchtbar geschämt, weil meine Freundin und ihre Tochter das mit anhören mussten.
In diesem Jahr will ich es so machen, wie schon im letzten Jahr, ich bleibe zu Hause. Plötzlich aber spielen sie im Radio Petula Clark mit Downtown und Partylaune siegt über Angst. Außerdem ist mein Passing durch die Hormone und meine längerern Haare heute viel besser als vor zwei Jahren. Trotzdem ziehe ich mich etwas weniger out going an und nehme einfach einen Jeansmini, Stiefel und ein schlichtes Top.
Meine Wohung liegt direkt in der Innenstadt und schon nach wenigen Schritten schlendere ich gut gelaunt durch die dichte Menschenmenge über den Kieler Rathausplatz. Es ist noch früh am Abend und der mittlere Alkoholpegel der Menschen ist um diese Zeit noch gut erträglich. Mit jedem Schritt fühle ich mich sicherer und falle den meisten wohl nur durch meine Größe etwas auf. Ein kleiner Mann mit Glatze starrt im Vorbeigehen aus Augenhöhe direkt auf meine Brüste. "Ich bin hier oben.", sage ich zu ihm und wir müssen beide lachen.
Ich dränge langsam mit der Menge weiter in Richtung Holstenbrücke, wo meine Freundin Ischi ihren Bierbrunnen aufgebaut hat. Am Nachbarstand spielt eine Band und meine Stimmung wird immer besser. Ich lerne Ischis Freundinnen kennen und wir trinken zusammen ein paar Gläser Wein. Lachend und trinkend stehen wir am Bierbrunnen und sehen den Meschen zu, die an uns vorbeischlendern.
Inzwischen ist nach 23 Uhr und allmählich ist es dunkel geworden. Das Publikum hat sich verändert. Die Menschen, die durch die Fußgängerzone torkeln schlendern, werden zunehmend jünger und betrunkener.
Um kurz nach Mitternacht ist es an der Zeit, von der Straße zu kommen. Ich stöckele auf einen letzten Drink ins Birdcage* in der Rathausstraße. Die Bar ist gerammelt voll und die Stimmung sehr ausgelassen. Micha, der Wirt, kommt mit den Bestellungen kaum hinterher. Ich setze mich mit einem Glas Blanchet an die Bar zu ein paar L-Girls* und freue mich über einen netten Smalltalk.
Fazit: Der Kieler Woche Besuch hat mir letztlich doch Spaß gemacht. Ich konnte meine Ängste überwinden und habe einen sehr netten Abend verbracht. Trotzdem sind mir die Menschenmassen auf so einem Mega-Volksfest nicht angenehm, was aber nichts mit Trans zu tun hat, sondern mit dem dichten Gedränge in den Massen von Menschen. Im nächsten Jahr werde ich ganz sicher wieder zur Kieler Woche gehen. Dann starte ich aber schon am späten Nachmittag und bin rechtzeitig vor Mitternacht und vor dem Auftauchen der schlimmsten Trunkis von der Straße verschwunden.
*T-Girl: Transgender Girl, Transsexuelle *L-Girl: lesbisches Mädchen/Frau *Birdcage: Kieler Szenebar für Transgender, Lesben und Schwule. (Vgl. Transgender Kiel)
Wir verhalten uns natürlich und entspannt. Wir bewegen uns selbstbewusst, dabei locker und mit lässiger Selbstverständlichkeit. Wir benehmen uns nicht wie Kerle in Frauenkleidern und wir vermeiden jedes tuckige Rumgetranse.
Dieser Teil der Serie ist am schwierigsten zu vermitteln und ich hoffe, dass es mir gelingt. Es geht um Authentizität. Authentisch bedeutet 'echt' und 'als Original empfunden'.
Ich möchte euch ein Beispiel geben, vielleicht kennt ihr die Situation: ihr sitzt irgendwo in der Fußgängerzone, in einem Café, oder in einer Bar. Um euch herum sind viele Menschen, aber keiner von ihnen fällt euch speziell auf. Es ist ein menschliches Hintergrundrauschen und alle verhalten sich ungefähr so, wie man es von ihnen erwarten kann. Keinerlei Auffälligkeiten. Ein Jeder scheint seinen Platz genau zu kennen. Plötzlich aber werdet ihr auf eine einzelne Person aufmerksam. Sie verhält sich nicht so, wie sie soll, nicht so, wie es unserer Erwartung entspricht. Jetzt ist unsere Aufmerksamkeit geweckt. Wir schauen hin, wir geben Acht, wir wollen ergründen. Was ist mit dem denn los?
An dieser Stelle kommt unser Verhalten ins Spiel. Solange wir uns ganz natürlich verhalten und uns mit lockerer Selbstverständlichkeit bewegen, solange wir ein Puzzleteil am richtigen Platz sind, solange fallen wir kaum auf. Wenn man das gut hinbekommen, funktioniert das sogar dann, wenn das optische Passing nicht so toll ist. Der Grund dafür ist einfach zu erklären: Kein Mensch schaut genau hin, solange es keinen Grund dafür gibt, genau hinzuschauen. Wir fliegen ganz sauber unter dem Radar.
Leider ist genau das der Grund dafür, weshalb es bei kleinen Kindern oft nicht klappt, denn die sind neugierig und beobachten ganz genau. Schon ein paar mal haben mich kleine Kinder gefragt: "Bist du ein Mann?" Den Müttern war das immer total peinlich. "Ich bin beides," habe ich dann ganz freundlich geantwortet. Mit dieser Erklärung kommen Kinder anscheinend ganz gut zurecht.
Als Transsexuelle ist es am Anfang total schwierig, sich locker und selbstsicher zu bewegen. Wie denn auch? In der ersten Zeit unserer Metamorphose sind wir alle mehr oder weniger noch Männer in Frauenkleidern. Wir haben anfangs große Angst vor Spot und vor Entdeckung. Falls wir uns noch nicht überall geoutet haben, ist es ein Albtraum, plötzlich unserem Chef, oder den Jungs vom Kegelclub über den Weg zu laufen. Puh, welch eine Anspannung, wie soll man sich da locker bewegen? Und ein Mensch, der Angst hat, der bewegt sich auch wie ein Mensch, der Angst hat. Überhaupt nicht natürlich, sondern hölzern und unsicher.
Deshalb müssen wir unser Verhalten vorher ein wenig üben. Am leichtesten fällt das an Plätzen, wo man sich sicher fühlt. Mein Tipp sind die regelmäßigen Treffen der Transgender Selbsthilfegruppen, die es in fast allen größeren Städten gibt. Unsere SHG trifft sich monatlich zum Stammtisch in einer Kneipe. Für viele ist das die Gelegenheit, zum ersten Mal im Leben als Frau an die Öffentlichkeit zu gehen. Anschließend ziehen wir oft noch weiter in eine Bar und lachen, tanzen und unterhalten uns, solange wir durchhalten. Diese Abende sind gut geeignet, um sich an die neue Rolle als Frau zu gewöhnen. Letztlich müßt ihr euch immer wieder ausprobieren und allmählich ein ganz neues Verhalten erlernen.
Doch so schnell es geht müßt ihr dann aus der Sicherheit nächtlicher Szenebars heraus ans helle Tageslicht kommen. Zum Beispiel vormittags in der Shopping Mall, wenn die Geschäfte gerade erst aufgemacht haben, dann in aller Ruhe shoppen gehen. Schuhe anprobieren, mit Verkäuferinnen sprechen, im Café sitzen, bei Bijou Brigitte alle Ohrringe anschauen, aber vor allem eine gute Zeit haben und richtig viel Freude an der neuen Rolle als Frau empfinden.
Ein Geheimnis, weshalb mein eigener Weg so reibungslos verlaufen ist, war mit Sicherheit meine gute Laune und mein Spaß am neuen Leben als Frau. Na klar mußte ich oft über mich selbst lachen, wenn der Rock mal wieder zu kurz war, oder wenn der Bartschatten durchs Camouflage wuchs. Und ein echtes Highlight natürlich meine blonde Phase, als ich unbedingt eine echte Blondine sein wollte. Holy Moly, wie haben das die Kollegen nur ausgehalten?
Ich habe bestimmt jeden Fehler begangen, den man nur machen kann, aber ich hab trotzdem Spaß dabei gehabt und mich ganz selbstbewußt bewegt. Und irgendwann war ich drüben. Ich hatte erfolgreich 'rübergemacht'. Und das schafft ihr auch, aber niemals mit Jammern, Weinen und (ver)Klagen.
Du kannst ruhig Trans sein, aber du mußt Spaß dabei haben, Baby!
Mein Dienstapparat klingelt: "Hallo, guten Tag, hier ist Frau Sowienoch. Ich führe Ihre Personalakte und mir ist gerade aufgefallen, dass da noch ein ganz altes Foto von Ihnen drin ist. Irgendwie passt das jetzt nicht mehr so richtig. Wenn Sie mir ein Neues bringen, dann tausche ich es gleich aus."
Ich bin total überrascht und freu mich natürlich über den netten Anruf meiner Kollegin. Ich biete an, ihr gleich ein aktuelles Foto mit der Dienstpost zukommen zu lassen. Ich habe ja noch einen Satz Passbilder im Schreibtisch liegen, die unsere Lichtbildstelle im LKA für meinen neuen Dienstausweis gemacht hat.
"Ach," sagt sie, "kommen Sie doch einfach rüber mit dem Foto, dann tausch ich es gleich aus. Ich sitze im Haus nebenan gleich über der Wasserschutz."
Kaum zu glauben und dann heißt es immer, die Bürokratie sei schwerfällig. Oder ist das versteckte Kamera? Nachdem ich aber weder Paola, noch Kurt Felix entdecken kann, nehme ich ein Passfoto und stöckel kurz rüber zu den Enten*.
Frau Sowienoch und ich verstehen uns auf Anhieb. Wir unterhalten uns sehr nett, während sie mein altes Bewerbungsfoto aus der Personalakte löst und durch das neue Svenjafoto ersetzt. Das alte SvenFoto darf ich als Erinnerung mitnehmen. Es ist mein Bewerbungsfoto aus dem Jahr 1982. Hättet ihr mich darauf erkannt?
Fazit:Mein Dienstherr, die Landespolizei, verblüfft mich immer wieder. Nicht nur, dass sie mir keine Steine in den Weg gelegt haben, sondern die haben mich von Anfang an unterstützt. Ob das die Kostenübernahme der Laserepilation war, oder die Versorgung mit Medikamenten zur Hormonbehandlung, es hat reibungslos funktioniert. Oder ist das letztlich ein Trick der Personalabteilung, weil das Land sparen muß? Durch mich erhöht sich die Frauenquote, ohne dass eine weitere Beamtin eingestellt werden muß. Und schwanger werde ich vermutlich auch nicht so schnell. Ich werde das im Auge behalten, mein Mißtrauen ist geweckt.
*Enten: Ein liebevoller Ausdruck anderer Sparten für die Beamten der Wasserschutzpolizei. Ist nicht böse gemeint!
Wir bemühen uns um eine weibliche Sprechweise, ohne dabei tuntig zu klingen. Unsere männliche Sprechweise und die mackerhaften Ausdrücke legen wir ab. Dabei kontrollieren wir uns ständig selbst.
Dieser Punkt meiner Passingserie ist ein bisschen schwieriger zu vermitteln, denn er fordert von euch etwas mehr Fantasie und Willen zum Mitmachen. Die weibliche Stimme klingt zwar heller und weicher, als eine Männerstimme, aber selbst eine Frau mit tiefer Stimme wird nicht gleich für einen Mann gehalten. Der Trick liegt zum Teil darin, dass Frauen anders sprechen als Männer. Sie drücken sich anders aus und sie sagen ganz andere Dinge mit völlig anderen Worten.
Stellt euch einmal eine Runde von Männern vor, die sich über einen neuen Sportwagen unterhält. Neben technischen Details kommen sicher auch viele Superlative und Kraftausdrücke vor. Aber würde einer von den Jungs sagen: "In rot sieht der bestimmt auch total süß aus." Oder: "Die cremefarbenen Ledersitze sind ein Traum und dabei so stylish."? Wohl eher nicht. Frauen unterhalten sich über dasselbe Thema völlig anders, sie beurteilen Dinge generell aus einer weiblichen Sicht. Die kann genauso emotional sein, oder ganz praktisch, oder völlig ablehnend, aber in allem wird stets auch eine weibliche Denk- und Sprechweise deutlich.
Mir fällt das manchmal auf, wenn ich mit meinen Transfreundinnen zusammensitze. Einige sprechen schon total weich und weiblich. Sie benutzen überhaupt keine mackerhaften Kraftausdrücke mehr. Ihre Stimme klingt weich, sie sprechen nicht so druckvoll und sie bemühen sich um eine eher sanfte Ausdrucksweise. Dann habe ich andere Freundinnen, die auch schon ein sehr gutes optisches Passing haben. Sie sehen toll aus, doch wehe, sie machen den Mund auf. Dabei haben sie gar keine besonders dunkle Stimme, nein, sondern es ist die ganze Art und Weise zu sprechen. Laut und druckvoll, in männlichen Worten mit Kraftausdrücken und männlicher Attitüde. Völlig unpassend und manchmal recht unangenehm.
Ich möchte ein paar Beispiele nennen, die vielleicht klischeehaft wirken, die euch aber verdeutlichen sollen, was ich meine: Er: "Ouh, scheiße! Das pisst schon wieder." Sie: "Oh, sowas Dummes, es regnet schon wieder." Jungs benutzen gerne Kraftausdrücke, sogar wenn es um Computer geht. Er: "Ich baller mir erstmal den ganzen OfficeSchice komplett auf die Festplatte." Sie: "Ich werde das Office-Paket diesmal komplett installieren."
Männer wollen mit ihrer Sprache nicht nur Informationen weitergeben, sondern auch Kraft und Coolness vermitteln. Sie benutzen Kraftausdrücke und "ballern, hauen, knallen, heizen, kacheln, donnern" und so weiter und so fort. Natürlich benutzen auch Frauen Kraftausdrücke, aber sie werden deshalb noch lange nicht für Transen gehalten.
Manchmal in einer Bar mache ich mir den Spaß, bewußt mein Passing zu opfern. Ich stöckel in meinem Mini zum Tresen und gebe in meiner weiblichen Sprechweise eine Bestellung auf. "Manfred, kann ich bitte noch zwei Weißwein haben?" Die übrigen Gäste am Tresen reagieren nicht weiter auf mich. Eine Frau hat eine Bestellung aufgegeben. Offensichtlich kennt sie den Wirt und ganz offensichtlich hat sie eine Vorliebe für etwas zu kurze Röcke. Dann bei der nächsten Runde versuche ich es anders. Ich bölke in tiefer Stimme laut über den Tresen: "Manni, machst noch ma zwei?!" Wow, jetzt haben wir eine Reaktion. Die Gesichter der Jungs am Tresen sind wirklich sehenswert.
Oder kennt ihr diesen blöden Spruch "Kentucky schreit ficken", sowie irgendjemand die Imbisskette "Kentucky Fried Chicken" erwähnt? Das ist für mich der ultimative und niemals versagende Mackertest. Kaum ein Macker by Heart kann diesem dämlichen Idiotenspruch Joke widerstehen.
Ich bemühe mich ständig um meine weibliche Sprechweise und inzwischen ist es mir in Fleisch und Blut übergegangen. Dabei ist es sehr hilfreich, wenn ich etwas leiser spreche. Gleichzeitig vermeide ich männliche Vokabeln und Kraftausdrücke. Das gelingt mir natürlich nicht immer, besonders wenn ich sauer, oder wütend bin. Aber meistens merke ich sofort: "Oh, oh, das war nicht so gut." Außerdem erwarte ich von meinen Freundinnen, dass sie mich darauf hinweisen: "Sowas sagen wir nicht, Svenja!" Was einmal als Joke unter Freundinnen begann, hat sich inzwischen als gute Trainingsmethode erwiesen, um sich eine männliche Attitüde abzutrainieren.
Eventuell kann euch eine Logopädin beim Stimmtraining helfen, aber man kann es auch ganz gut alleine hinbekommen. Dabei sind optisches und akustische Passing eine Einheit. Meine Stimme ist glaubhaft genug, um zusammen mit dem weiblichen Aussehen nicht für ein ungewolltes Outing zu sorgen. Aber am Telefon, wo der optische Eindruck fehlt, da halten mich noch immer alle für einen Mann. Letztens konnte ich die Hotline bei VISA nicht davon überzeugen, dass ich ICH bin. Selbst nachdem ich alle Kontrolldaten fehlerfrei aufgesagt habe, glaubten sie mir nicht, dass ich die Karteninhaberin bin. Aber wer weiß, wenn ich fleißig weiter an mir arbeite, bekomme ich vielleicht eines Tages auch das noch in den Griff.
Fazit: Mit ein wenig Aufmerksamkeit und Hartnäckigkeit können wir lernen, eine weiblichere Stimme als bisher zu entwickeln. Wir vermeiden männliche Vokabeln und Kraftausdrücke und wir sprechen ein wenig leiser und sanfter. Mit ständiger Selbstkontrolle und mit Hilfe unserer Freundinnen können wir uns eine Sprechweise antrainieren, die unser optisches Passing nicht kaputt macht. Es wird vielleicht nicht reichen, um die Jungs bei VISA zu überzeugen, aber im täglichen Gespräch face to face wird es ausreichen, um als Frau wahrgenommen zu werden.
"Wir machen ein Special zum Thema 'Die perfekte Frau' und da kam mir sofort dein Blog in den Sinn." Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht nicht mit der Interviewanfrage einer renommierten Wochenzeitung, wie 'Die Nordelbische'.
Als evangelisch-lutherisches Kirchenblatt deckt Die Nordelbische wöchentlich unterschiedliche Themenbereiche rund um Gemeinde und Gesellschaft ab. Dabei geht es jedoch keinesfalls nur um kirchliche Themen. Ich bin erstaunt über den Mut der Redaktion, ein Thema wie Transsexualität anzuschneiden, denn sicherlich wird es aus der Leserschaft nicht nur positive Reaktionen geben. Doch andererseits unterscheidet sich die evangelische Kirche hier ganz deutlich und sehr klar von der Position der katholischen Kirche zur Transsexualität. Der Papst selbst hatte sich im Dezember 2008 in seiner Festtagsansprache deutlich gegen jede Form von Geschlechtsumwandlung ausgesprochen. Ich erinnere mich noch, wie mich seine Rede verletzt hat, denn in der Weihnachtszeit 2008 befand ich mich gerade in einem tiefen depressiven Loch. "Nicht mal Die wollen dich", dachte ich damals, "dabei sind Die doch für Nächstenliebe und Verständnis zuständig. Aber nicht mal Die...!"
Umso mehr freue ich mich auf das Interview mit Paula, einer fröhlichen jungen Frau aus der Redaktion der Nordelbischen. Wir treffen uns im Café Chelsey und sind schon nach wenigen Minuten in ein angeregtes Gespräch vertieft. Mit unserer guten Laune stecken wir uns gegenseitig an und Paula versteht es dabei ausgezeichnet, ein gutes Gesprächsklima zu schaffen. Ein wenig wirkt vielleicht auch der ausgezeichnete Pinot Grigio mit, den Eddie mir serviert.
Fazit: Mir gefällt der Zeitungsartikel richtig gut. Der Beitrag ist mit guter Herzensbildung geschrieben und er berichtet davon, dass Transgender ansonsten ein ganz normales Leben führen. Wir haben Jobs, wir haben Freunde, wir essen, trinken und kaufen ein und manchmal sind wir erkältet, oder haben Rückenschmerzen, so wie andere Menschen auch.In dieser Darstellungsweise unterscheidet sich der Artikel wohltuend von der Berichterstattung anderer Medien, die Transsexuelle gerne in BILD und Fernsehen zur Freakshow antreten lassen.Dabei sind wir doch nur transsexuell. Keine große Sache eigentlich.
"Wie? Du hast wirklich noch nie etwas von Niki de Saint Phalle gehört?" Die beste Kollegin von allen schaut mich aus großen Augen an und kann den Grad meiner Unwissenheit kaum fassen. "Wirklich nicht?" "Nein, Bea, aber frag mich doch gerne noch einmal, damit ich mir vielleicht noch ein bisschen blöder vorkommen kann."
Bea hatte zufällig davon gehört, dass derzeit im Schloß Gottorf eine einzigartige Ausstellung der Künstlerin gezeigt wird. Und ebenso "rein zufällig" ist Bea seit ihrer Kindheit eine große Bewunderin von Niki de Saint Phalle und konnte bisher nie eines ihrer Werke in natura sehen. Wenn das keine glücklichen Zufälle sind? Die Geschichte der Niki de Saint Phalle ist wirklich eine Besondere. Das wird mir nach dem Lesen des Wikipedia Artikels schnell klar und ich bin inzwischen selbst neugierig auf die Ausstellung. Bekannt geworden ist Niki de Saint Phalle vor allem durch ihre Nanas. Das sind bunt bemalte Skulpturen großer, dicker Frauen mit betont weiblichen Formen.
Als wir das Auto auf dem Schloßparkplatz abstellen und in das Kassenhäuschen gehen, kommen mir erste Zweifel an unserem Outfit. Ganz offensichtlich ist der Dresscode für Kunstausstellungen ein anderer, als ich vermutet hatte. Während ich auf die bewährte Kombination von Mikromini, Leggings und Stiefeln gesetzt hatte, erscheinen die übrigen Besucher eher konservativ gekleidet. Auch Bea kommen erste Zweifel an ihrem Outfit, doch ich lüge sie beruhigend an: "Mit einem Minikleid bist du fast immer richtig angezogen."
Die Ausstellung findet in der ehemaligen Reithalle des Schlosses statt und Bea hat für uns eine Führung gebucht. Als wir im Eingangsbereich auf unseren Museumsführer warten, kommt ein junges Mädchen zu uns, die kaum älter sein kann, als meine Handtasche. "Ich bin ihr Ausstellungsguide, bitte folgen Sie mir." Ich bin mehr als verblüfft und kann kaum glauben, wie perfekt und bildhaft uns die junge Studentin durch die Ausstellung führt. Leider darf man hier nicht fotografieren und nachdem zwei Besucher deshalb fast rausfliegen, spare ich mir jeden Versuch.
Die Ausstellung begeistert mich und ich lerne, wie wichtig es ist, Kunstwerke auch erklärt zu bekommen. In einem der Kunstwerke verarbeitet Niki die Vergewaltigung durch ihren Vater in der Kindheit. Das Kunstwerk zeigt eine riesige Fledermaus, die ein Baby davonträgt. Ein Flügel ist bunt und wunderschön, während der andere Flügel den Blick in ein grauenhaftes Inneres enthüllt. Ohne das Wissen um die Hintergründe hätte ich das Exponat nicht verstehen können.
Bea ist ganz aus dem Häuschen vor Freude darüber, Nikis Kunstwerke endlich einmal "in Echt" zu sehen und auf dem Rückweg zum Parkplatz zieht sie mich noch einmal in den Museumsshop. Nur mit Mühe kann ich sie davon abhalten, ALLES zu kaufen und so bleibt es bei einem Poster, einer DVD und einem großen Bildband. Allerdings bin ich selbst so begeistert, dass ich mir ein großes Ausstellungsplakat kaufe und es später zuhause gegen mein geliebtes Sex-and-the-City Poster austausche.
Fazit: Für Transgender bietet der Besuch einer Kunstausstellung eine perfekte Gelegenheit, als Frau bei Tageslicht an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihr könnt euch nett anziehen und einen wunderbaren Tag als Frau verbringen, ohne dabei Angst vor unangenehmen Begegnungen haben zu müssen. Diese Typen trifft man auf Kunstausstellungen nämlich üblicherweise nicht.
Wer hat hier noch nie etwas von Niki de Saint Phalle gehört? Das ist ja wohl kaum zu glauben. Was lernt ihr eigentlich heutzutage in der Schule?
Die Ausstellung im Schloß Gottorf dauert noch bis zum 28. Juni 2009 und ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
Für die meisten Transsexuellen ist die Geschlechtsangleichende Operation, kurz GAOP, der heilige Gral ihrer Entwicklung. Dieses Ziel gilt es möglichst schnell und in Rekordzeit zu erreichen. Aber ist das auch wirklich immer der richtige Weg?
In vielen Gesprächen mit Transsexuellen habe ich den Eindruck gewonnen, dass einige wichtige Fragen vor der Operation gar nicht gestellt worden sind. Doch leider sind Gespräche mit Betroffenen extrem schwierig. Dazu muß man wissen, dass die OP an sich unantastbar ist. Einer Transsexuellen, die kritische Fragen zur OP stellt, wird sehr schnell unterstellt, sie sei eben nur ein Transvestit und meine es wohl nicht wirklich ernst mit ihrer Transsexualität. Nur wer bereits operiert ist, oder zumindest schon Vorgespräche in diese Richtung geführt hat, wird in Transgender Kreisen für voll genommen.
Ich halte diesen Denkansatz für falsch, denn nicht in jedem Fall muß die Entwicklung einer Transsexuellen mit der geschlechtsangleichenden Operation abgeschlossen werden. Inzwischen reift sogar unter Medizinern und selbst unter Juristen die Erkenntnis, dass auch transsexuell sein kann, wer nicht bereit ist, sich operieren zu lassen. Diese Erkenntnis wird sich hoffentlich auch in einem geänderten TSG (Transsexuellengesetz) wiederspiegeln.
Die überwiegende Zahl operierter Transsexueller, die ich kenne, ist sehr glücklich mit ihrer Entscheidung. Für sie war die OP genau das Richtige und sie leben ein glückliches Leben ohne medizinische oder soziale Komplikationen. Doch leider kenne ich auch ein paar Unglückliche, die mit ihrer Entscheidung zur OP nicht das große Los gezogen haben. Zwei von ihnen wurden bei der OP versehentlich schwer verletzt. Dazu muß man wissen, dass die Operation in unmittelbarer Nähe des Darms und auch in der Nähe wichtiger Nervenbahnen zu den Beinen durchgeführt wird. Eine meiner Bekannten wird nie wieder ohne Gehhilfen laufen können, während die andere einen künstlichen Darmausgang erhielt.
Eine andere Bekannte bemerkte ihren Irrtum noch rechtzeitig vor der OP und machte im letzten Moment eine volle Kehrtwende. Sie ließ sich die neu gewachsenen Brüste entfernen und lebt heute wieder als Mann. Das ist umso tragischer, als das sie noch heute stets für eine hübsche junge Frau gehalten wird, denn die "Erfolge" der weiblichen Hormontherapie sind in weiten Zügen irreversibel.
Die Geschlechtsangleichende Operation ist unumkehrbar und dennoch ist sie für viele Transsexuelle in gewisser Weise noch immer ein Tabuthema. Sie sprechen zwar endlos über medizinische Details und Behandlungsmethoden, sie kennen die verschiedenen Methoden sämtlicher Operateure und können dazu trefflich streiten über die beste deutsche Klinik. Und dennoch, sowie es um die wirklich wichtigen Fragen geht, um die Seele, um Gefühle, um Partnerschaft und um Sex, dann verstummt das Gespräch.
Ich ziehe die OP nicht grundsätzlich in Zweifel, aber ich möchte fünf Fragen in den Raum stellen, die sich jeder Transgender schon lange vor der Operation stellen und beantworten muß.
Will ich, oder will ich nicht, dass jemals ein Mann in meine neue Vagina eindringt?
Mit wem möchte ich zukünftig Sex haben und auf welche Weise soll das geschehen?
Erwarte ich, dass sich durch die Operation auch mein Passing als Frau im Alltag verbessern wird? Dass die Operation mich gewissermaßen auch für andere erkennbar endlich zu einer richtigen Frau machen wird, was mir bisher durch Frisur, MakeUp und Kleidung vielleicht nie so richtig gelungen ist?
Bin ich mir über die medizinischen Risiken dieses Eingriffs im Klaren und bin ich bereit dazu, diese einzugehen im Tausch für das, was ich mir dadurch erhoffe?
Bin ich mir im Klaren darüber, dass die OP ein fataler Irrtum sein wird, falls bei meiner Entscheidung fetishistisch sexuelle Überlegungen eine Rolle gespielt haben? Denn dieser Kick wäre nach dem Verlust von Penis und Hoden für immer verloren.
Über eine angeregte und anregende Diskussion zum Thema würde ich mich sehr freuen. Gerne dürfen auch Unbeteiligte, nicht Transgender ihre Gedanken einbringen, ich bin auf deren Ansichten und Anregungen gespannt. Bitte benutzt die Kommentarfunktion. Zugleich bitte ich aber gerade wegen des sensiblen und höchst brisanten Themas um einen vernünftigen Umgangston miteinander.
Wir schminken uns jeden Morgen ein weibliches Gesicht in einem professionellen Ich-bin-eine-Frau-und-kein-Transvestit Look und bemühen uns wirklich jeden Tag darum, die beste Version von uns zu sein, die wir nur hinkriegen können.
Ein gutes Passing ganz ohne MakeUp ist für Transgender Girls nahezu unmöglich. Jedenfalls dann nicht, wenn sie älter sind als fünfzehn. Wir wollen deshalb üben, uns ein hübsches, aber trotzdem unauffälliges Gesicht für den Alltag zu malen.
Es geht hierbei nicht um das große dramatische Abend MakeUp, nicht um Smokey Eyes und nicht um Pouty Lips, sondern um den unauffälligen weiblichen Jeden-Tag-zur-Arbeit-stöckel-Look. Er ist nicht für die Disco gedacht, sondern für das helle Tageslicht und für die kritischen Augen unserer Arbeitskollegen.
Besonders in der ersten Zeit nach dem Outing wird sich ein schlechtes MakeUp katastrophal auf unser Standing in der Firma auswirken. Im Klartext: Zuviel MakeUp, zu bunt, oder auch zuwenig Schminke machen uns komplett zum Löffel.
Schon nach wenigen Wochen werden euch die Handgriffe so vertraut sein, dass ihr nur noch 10 Minuten für das komplette MakeUp einzuplanen braucht. Um schnell eine Routine zu entwickeln, Zeit zu sparen und nichts zu vergessen, ist es hilfreich, sich immer an den gleichen Ablauf zu halten. Für mich hat sich der Folgende bestens bewährt.
1. Reinigung und Feuchtigkeit (ca. 1 min.) Die meisten von uns werden sich morgens noch immer rasieren müssen. Wenn danach das Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen wird, ist die Reinigung schon erledigt. Anschließend tragen wir eine leichte Feuchtigkeitscreme auf, die nicht fetten darf. Kauft euch dazu eine günstige Tagescreme. Fast jede Creme ist geeignet, sie darf nur nicht fetten. Also keine Nachtcreme und keine NIVEA Creme. Die günstige Tagespflege von ALDI reicht völlig aus. Wir cremen das Gesicht damit dünn ein. (test 12/2008)
2. MakeUp (ca. 2 min. mit Camouflage +3 min.) Das MakeUp sollte eine winzige Nuance heller als der eigene Hautton sein. Auf keinen Fall darf es deutlich dunkler sein. Der zweite Faktor ist die Deckkraft. Ein leichtes MakeUp deckt nicht genügend ab. Camouflage hingegen verfügt über die Deckkraft von Rigibsplatten und lässt das Gesicht daher oft maskenhaft wirken. Wir benutzen Camouflage tagsüber nur, wenn wir damit einen Bartschatten abdecken müssen. Ich selbst verwende gerne ein MakeUp mittlerer Deckkraft und benutze zur Zeit Lasting Finish 16hour Foundation von Rimmel. (test 12/2007)
Das MakeUp verteilt sich am einfachsten mit den Fingerspitzen. Ein Schwämmchen braucht man dazu nicht. Ich gebe für jede Gesichtshälfte einen etwa erbsengroßen Klecks auf die Fingerkuppe und verreibe ihn dann gleichmäßig von unten nach oben im Gesicht. Ich beginne am Unterkieferknochen und arbeite das cremige MakeUp sorgfältig von unten nach oben in die Haut ein. Ganz wichtig ist es, die Stirn und den Hals nicht zu vergessen. Für die Stirn reicht ein winziger Tropfen. Zum Hals hin das MakeUp sanft ausstreichen. Es darf kein Rand zwischen Gesicht und Hals erkennbar sein. Eine Schicht MakeUp reicht wirklich aus. Das Ergebnis wird durch weitere Schichten selten besser, aber häufig schlechter. Es dauert ein bis zwei Minuten bis das flüssige MakeUp auf der Haut angezogen hat und die endgültige Deckkraft erreicht ist. In dieser Zeit schminke ich mir die Augen. Zum Schminken von Stirn und Hals benutze ich übrigens gerne einen meiner sonst unbenutzten MakeUp Fehlkäufe.
3. Kajal Eyeliner (ca. 2 min.) Der Lidstrich erfordert ein wenig Übung bis er richtig sitzt. Er betont das Auge und lässt die Wimpern dichter aussehen. Wir malen einen dünnen schwarzen Strich auf dem Oberlid unmittelbar entlang der Wimpern. Der Strich soll nach außen ganz leicht ansteigen. Am unteren Lid malen wir den Kajalstrich so dünn es nur geht. Auf keinen Fall umranden wir unsere Augen einmal komplett dick und schwarz. Das steht nur Kühen wirklich gut. Wenn der Strich stellenweise zu dick geworden ist, lässt sich die Stelle mit einem Wattestäbchen trocken wegreiben. Ich benutze täglich den Stay On Eye Pencil von Nivea. Damit lässt sich super arbeiten und er hält wirklich ausgezeichnet. (Testsieger test 10/2008)
4. Lidschatten(ca. 2 min.) Ich verwende einen Lidschatten aus zwei farblich abgestimmten Nuancen. Hautähnliche Brauntöne wirken dabei besonders natürlich. Vorsicht aber mit bunten Lidschatten. Dieser Look geht schnell völlig danebenund ruiniert ein gutes Tages MakeUp. Bunter Lidschatten muß genau auf euren Typ und auf die Klamotten abgestimmt sein und muß außerdem perfekt gearbeitet sein. Wir beginnen mit dem dunklen Ton des Lidschattens und tragen ihn auf den beweglichen Teil des Augenlids auf. Am besten holt ihr euch dazu im Drogeriehandel ein ganzes Set verschiedener Applikatoren (z.B. Rossmann, 2,99 €). Damit lässt sich besser arbeiten als mit den beiliegenden Stielschwämmchen. Den zweiten, helleren Farbton tragen wir unterhalb der Augenbrauen auf und lassen ihn nach außen hin auslaufen. Viele Lidschattensets haben einen dritten Farbton. Den benutzt man in der Lidfalte als Übergang zwischen beiden Farbtönen. Er ist aber wirklich nicht nötig für unser Every-Day-MakeUp. Lidschatten trage ich übrigens nicht jeden Tag. Wenn die Augen allein mit Kajal und Wimperntusche geschminkt sind, ergibt das einen besonders natürlichen Nude Look. Das entscheide ich jeden Morgen neu, denn natürlich gibt es auch Tage, an denen will man alles geben :-)
5. Wimperntusche(ca. 2 min.) Durch Mascara werden die Augen zusätzlich betont und der Blick wird noch ausdrucksvoller. Am schwierigsten ist es, die Wimpern sorgfältig zu tuschen, ohne dass sie verkleben. Deshalb trenne ich meine Wimpern vor dem Tuschen mit einem Wimpernkamm und einer Wimpernbürste. Diesen Schritt könnt ihr weglassen, wenn eure Wimpern nicht so dicht sind. Die Bürste wird vom Wimpernansatz mit einer leichten Drehung nach oben in die Spitzen gezogen, solange bis die Wimpern schön gleichmäßig getuscht sind. Falls Wimpern zusammenkleben, trenne ich sie mit einem kleinen Holzstäbchen, was eine ruhige Hand und etwas Übung erfordert. Übrigens rate ich von wasserfestem Wimpernroller ab. Die Wimpern werden davon hart wie Zement und können sogar abbrechen. Den braucht man wirklich nur im Schwimmbad, oder falls man eine totale im-Kino-HeulSuse ist, wie ich.
6. Augenbrauen(ca. 1 min.) Mit dem Wimpernkamm kämme ich meine Augenbrauen in Form. Danach benutze ich einen Augenbrauenstift, und male die Brauen damit nach, um sie optisch zu verdichten. Außerdem fülle ich damit kleine Stellen auf, wo ich mich verzupft habe.
7. Puder(ca. 1 min.) Das MakeUp fixiere ich mit einem leichten Transparentpuder. Das Geheimnis liegt dabei in einem guten Puderpinsel, der groß und weich ist und trotzdem nicht haart. Das Puder fixiert das MakeUp und lässt es noch gleichmäßiger und damit perfekter aussehen.
8. Rouge(ca. 1 min.) Etwas Rouge lässt euer Gesicht lebendiger aussehen, doch auf die richtige Menge kommt es an. Man erwischt schnell zuviel davon und sieht dann im hellen Tageslicht aus wie Popow der Clown. Das Rouge wird mit einem kleinen Rougepinsel nur auf die Wangenknochen aufgetragen. Ihr müsst es aber zu den Rändern hin leicht ausstreichen, um nicht versehentlich den Oma mit den Apfelbäckchen Look zu erzeugen.
9. Lippenstift(ca. 1 min.) Einen Lippenstift aufzutragen ist nicht gerade Atomphysik. Ihr malt einfach das Lippenrot nach und zwar ohne zu schummeln und eure Lippen künstlich zu vergrößern. Fertig. Und vergesst unbedingt den Trick mit der äußeren Lippenkontour mit Lipliner. Das sieht nur bei Dolly Buster gut aus und ist tagsüber im Dienst deutlich too much. Die Farbe des Lippenstifts soll zum Outfit passen, oder am besten total unauffällig sein. Tagsüber tragen wir übrigens keine knallroten Lippen. Was bei Dita von Tese auf der Showtreppe echt klasse aussieht, macht uns morgens in der Firma ganz sicher zum Obst.
10. Parfüm Das ist für mich der abschließende Part des MakeUps. Auch fürs Büro trage ich zumindest einen leichten Duft auf. Wohlgemerkt, einen leichten Duft und nur einen kleinen Spritz. Nicht Opium, Angel, oder anderes schweres Geschütz.
Die häufigsten Fehler 1. Ein schlecht überschminkter Bartschatten 2. Ein zu dunkler Farbton des MakeUps 3. Vergessen, den Hals zu schminken, bzw. den Übergang zu kaschieren 4. Schlecht gezupfte Augenbrauen Marke Theo Waigel 5. Bunter Lidschatten á la happy Hauptschule 6. Die Lippen zu groß gemalt und/oder mit dunklem Outliner umrandet
Ein gutes MakeUp hält vom Aufstehen bis zum Feierabend. Besonders das 16 hour MakeUp von Rimmel ist sehr haltbar und dazu noch recht preiswert. Bei öliger Haut solltet ihr das MakeUp zwischendurch mit Transparentpuder neu fixieren. Damit kommt ihr dann locker über den Tag. Ich wünsche euch viel Freude an eurem neuen weiblichen Look. Vielleicht schreibt ihr mir mal im Kommentar, wie ihr mit der Anleitung zurecht kommt und wie eure Ergebnisse damit sind. Ich würde mich sehr freuen.
Kann es sein, dass städtische Bodenbeläge grundsätzlich von Feministinnen ausgesucht und dann von Männern verlegt werden? Stecken vielleicht sogar Deichmann, Mister Minit und Birkenstock höchstpersönlich dahinter? Oder gibt es sogar eine Geheimgesellschaft der Absatzilluminaten?
Ich bin jedenfalls richtig sauer und kann langsam verstehen, weshalb Sneakers sich besser verkaufen als Pumps.
"Transgender, Lesben und Schwule darf man nicht verkloppen! Man darf ihnen nicht einfach so ihre Jobs kündigen, sie nicht beleidigen und soll sie auch sonst einfach in Ruhe lassen. Sie sollen friedlich und gleichberechtigt leben können."
Weshalb ich das schreibe? Weil genau das der Grund ist, weshalb die Europawahl 2009 so wichtig ist und weshalb ich meine Stimme abgeben werde. Und genau dasselbe erwarte ich von euch: Am kommenden Sonntag zieht ihr euch was Nettes an, nehmt eure Wahlbenachrichtigung in die linke und den Personalausweis in die rechte Hand und stöckelt damit in euer Wahllokal.
Ich selbst bin politisch kein besonders interessierter Mensch. Aber diese Europawahl ist wichtig für mich. Warum? Weil das europäische Parlament eine wichtige Richtlinienkompetenz gegenüber seinen Mitgliedsstaaten hat. In Brüssel werden grundsätzliche Richtlinien für nationales Recht festgelegt. Das EU Parlament macht den Mitgliedsstaaten Vorschriften, die sie in nationale Gesetze umsetzen müssen. Eine wichtige Grundidee lautet: "Niemand darf aufgrund seiner geschlechtlichen Identität, oder seiner sexuellen Orientierung diskriminiert, oder gar verfolgt werden." Das meinte ich mit: "Die dürfen uns nicht verkloppen."
Das sei selbstverständlich, denkt ihr? Großer Irrtum! Glaubt ihr wirklich, dass Transgender, Lesben und Schwule sich in Warschau, Ljubljana, Sofia und Bukarest genauso frei und selbstverständlich bewegen können, wie ich das in Kiel tun kann? Das sie nach ihrem Outing genauso weiterarbeiten dürfen, wie ich das z.B. bei der Landespolizei Schleswig-Holstein tun kann?
Das Europaparlament hat in der Vergangenheit schon einige durchaus Transgender-freundliche Entscheidungen getroffen. Leider tritt es aber jenen Staaten nicht genügend auf die Füße, die diese Vorschriften nicht umsetzen. An einen EU-Beitritt der Türkei mag ich in diesem Zusammenhang gar nicht denken.
Durch die neu hinzugekommenen Mitgliedsstaaten der letzten Jahre könnte es geschehen, dass sich das Gleichgewicht in Brüssel zu unseren Ungunsten verschiebt. Umso wichtiger ist es, dass Deutschland von einer Partei im EU-Parlament vertreten wird, der die Rechte Transsexueller wichtig sind. Ein Vergleich mit den veränderten Verhältnissen, wie sie sich nach der Osterweiterung beim Eurovision Song Contest ergeben haben, ist nur auf den ersten Blick lächerlich.
Wer sich nicht entscheiden kann, ist gut beraten den Wahlomat zu fragen. Dieser Onlinetest der Bundeszentrale für Politische Bildung, hilft euch dabei, eure eigene Überzeugung mit den Positionen der politischen Parteien zu vergleichen. Der Test macht Spaß, ist total einfach und völlig anonym. Außerdem ist das Ergebnis manchmal sehr überraschend. Probiert es doch mal aus, hier gehts zum Wahlomat.
"Kann ich mich mal auf die neue Teneré setzen?" Der Verkäufer schaut mit ungläubigem Blick auf meinen Jeansmini. "Keine Angst, das geht. Der ist mit Stretch." Mit derselben Bewegung, mit der ich schon tausendmal auf meine Enduro gestiegen bin, schwinge ich das Bein über die Sitzbank. "Kannst du mal meine Handtasche holen? Da ist ne Digitalkamera drin. Mach mal ein Foto von mir auf der neuen Tenéré", bitte ich den jungen Verkäufer bei MTK in Kiel. "Und pass ja auf, dass auch die Schuhe mit drauf sind."
Vor einigen Jahren habe ich hier eine Yamaha Sportenduro gekauft und der Verkäufer erinnert sich an mich. Damals hieß ich noch Sven und der Händler braucht einen Moment, bis er die neue Situation erfasst hat. Doch er fängt sich schnell und wir unterhalten uns begeistert über die tolle neue XT660Z Tenéré. "Wow!", denke ich. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich sofort mit der XT aus dem Laden fahren."
Noch vor wenigen Monaten bin ich als Svendura mit Zelt und Schlafsack auf meiner KTM Adventure durch die Wälder gedüst. Meine Website Svendura war richtig bekannt und lange auf Platz 1 bei Google zum Suchbegriff Endurowandern, der noch heute von Reiseveranstaltern heiß umkämpft ist.
Trotzdem habe ich das Endurowandern aufgegeben. Es hat mich genervt, dass ich in meinen Motorradsachen in jedem Camp automatisch für einen Mann gehalten wurde. Spätestens bei der Wahl von Waschraum und Toilette stand ich jedes Mal vor einem Dilemma.
Aber heute habe ich einen Flash und vermisse es total, mit meiner Enduro auf Abenteuerreisen zu gehen. Ich muß immer an meine schönste Reise zurückdenken. 2007 bin ich mit meinen Kumpels Werner und Markus nach Norwegen gefahren. Wir sind über Schotterpisten geheizt, haben wild gecampt, sind bei Schneetreiben über Pässe gefahren, wir haben Rentiere gesehen und wir sind sogar ein paarmal im Schnee stecken geblieben. Welch ein wunderbares Abenteuer. Aber ob ich sowas heute wirklich noch tun möchte? Ich weiß, dass ich es noch kann, aber will ich das überhaupt noch?
Vielleicht fällt mir die Antwort leichter, während ich auf einer nagelneuen Enduro sitze. Nach dem Dienst fahre ich ohne mich umzuziehen das kleine Stück rüber zu MTK, unserem Kieler Yamahahändler und sehe mir die neue Tenere an. Sie hat zwar nicht soviel Power, wie meine alte KTM, aber das ist mir als Mädchen heute egal. Schließlich will ich damit ja nicht mehr im Wheelie die Kieler Bergstraße hochfahren, sondern einfach schöne Reisen mit Zelt und Schlafsack durch Europa machen.
Als ich auf der hochbeinigen Tenéré sitze, ist es sofort wieder da, dieses vertraute alte Gefühl. Jetzt noch schnell meine Ausrüstung hinten draufschnallen, das gute Zelt, den warmen Daunenschlafsack und ab geht die wilde Fahrt.
Aber wer bin ich dann? Bin ich wieder der alte Sven? Oder bin ich schon Svenja auf ihrer neuen Enduro? Und was ist mit Klamotten, Haaren und MakeUp? Ich weiß nicht, ob ich schon stark genug bin, ohne diese weiblichen Attribute auszukommen und immer wieder für einen Kerl gehalten zu werden. "Sind Sie ein Indianer?" fragte mich eine alte Dame auf meiner letzten Deutschlandreise ganz ehrfürchtig, als sie meine langen schwarzen Haare sah. "Sie sind aber ein schöner Mann," fügt sie hinzu und gibt mir damit den Rest.
Ein kurzer Blick auf mein Konto nimmt mir die Entscheidung vorerst ab. Ein Motorradkauf ist finanziell einfach nicht drin. Aber dennoch: Irgendwann geht Svenja Svendura wieder auf eine große Abenteuertour. Das verspreche ich mir heute selbst!
"Habt ihr die auch in 41?" Die nette Verkäuferin bei Tally Weijl sieht mich ungläubig an, als ich ihr die süßen rosa Ballerinas fragend entgegenhalte. "Die gibts nur noch in 36 und 37", erwidert sie in mitleidigem Tonfall.
Ein Besuch bei Tally Weijl, oder bei Forever 18 ist nicht nur bestens dazu geeignet, sich einmal so richtig zu demütigen, sondern ist außerdem der perfekte Einstieg in jede Diät. XL wird in solchen Läden sinngemäß übersetzt mit fett und entspricht in etwa einer deutschen Konfektionsgröße 38.
Es ist Dienstag morgen im Kieler Citti-Park. Ich bin extra früh aufgestanden, um heute ein paar neue Oberteile zu kaufen. Am besten so lang, dass ich sie zusammen mit Leggings auch als Kleider tragen kann. Das bedeutet mindestens Bauchnabel Länge.
Doch die Größenangaben auf den Klamotten bei H&M scheinen mich zu verhöhnen: XS, S, 34, 36, allenfalls eine übrig gebliebene 38. Ich bin ein bisschen verzweifelt, denn ich bin eher ein XL-Girl.
Dazu kommt, dass die Kleiderständer bei H&M so vollstopft sind mit Ware, dass ich es mit einer Hand nicht schaffe, etwas vom Ständer zu nehmen. Und zurückhängen kann ich die Sachen schon gar nicht. Außerdem sind die Highlights zwischen Unmengen von Ladenhütern verborgen und dann oft nur noch in Minigrößen vorhanden.
Endlich finde ich ein paar passende Shirts, als auch schon das nächste, äußerst hässliche Problem auftaucht: Winkfleisch! Das sind diese hässlichen Fledermausflügel an den Oberarmen, wo als Mann einmal mein Trizeps gesessen hat. Kurzärmelig geht gar nicht, mindestens ein halber Ärmel muß es schon sein.
Außer mir scheint die Winkfleischproblematik jedoch niemanden zu stören. Ich sehe nicht nur zentnerweise BingoWings aller Altersklassen, sondern finde auch kein einziges geeignetes T-Shirt.
Inzwischen ist es fast Mittag und die vier Würstchen vom Hansen Stand heute morgen sind längst Vergangenheit. Ich setze mich in den Asia Grill und esse eine kleine Knusper Ente, denn für den nächsten Laden muß ich stark sein. Ich will zu Vero Moda, meinem absoluten Lieblings Fashion-Store. Hier finde ich fast jedes Mal etwas Passendes und deshalb hebe ich mir Vero Moda oftmals bis zuletzt auf, denn beim Verlassen des Ladens bin ich üblicherweise völlig pleite und hab kaum noch das Geld für einen letzten Kaffee.
Auch diesmal werde ich nicht entäuscht und finde vier wunderbare Longshirts mit halben Ärmeln. Genau so etwas hatte ich gesucht. Meine Kreditkarte ist jetzt schon handwarm und bei Deichmann und New Yorker werde ich mich ein wenig zurückhalten müssen, sonst reicht es am Ende nicht mehr für Bijou Brigitte. Das Leben als Frau hat wirklich seine Tücken. Als Mann wäre ich bestenfalls in den Media Markt gestiefelt und hinterher zu Mc Donalds. Wisst ihr Typen überhaupt, wie aufwendig dagegen der Shopping Trip einer Frau ist? Da reicht es nicht, alles über die neuen Grafikkarten von Nvidia zu wissen, da muß man schon ein bisschen mehr drauf haben. Oder wüsstet ihr spontan, welcher Style zu den neuen Peeptoes von Deichmann passt, häh...?!
Irgendwann am Nachmittag fahre ich auf der Rolltreppe mit den letzten Einkaufstüten hinunter ins Parkhaus. Ich hätte zwar so gerne noch die fliederfarbenen Ankle Boots von New Yorker, aber ein kleiner Rest Verstand hält mich zurück. Dabei waren die Stiefel nur noch einmal in Größe 41 da. Ob ich vielleicht morgen noch mal hinfahren soll?
Fazit: Der Citti-Park macht einfach Spaß und ist für T-Girls die perfekte Shopping-Mall. Hier könnt ihr sehr gut parken und seid bei unangenehmen Sichtungen von Schwagern und Arbeitskollegen schnell wieder im Parkhaus verschwunden. Außerdem hängen dort keine unangenehmen Typen rum, die euch eventuell mit dummen Sprüchen das Einkaufserlebnis vermiesen könnten. Der Citti-Park ist dazu weit genug vom Hauptbahnhof und der Kieler Innenstadt entfernt.
Wir ziehen uns passend an! Sehr häufig sind MzF* Transsexuelle auf den ersten Blick als ExMänner zu erkennen, weil sie sich so anziehen, wie das nur Männer tun, wenn sie Frauenkleider aussuchen. "Typisch Transvestit!", pflegte meine ExFrau zu sagen.
Es gibt ein paar einfache Dos and Don'ts, mit denen wir unser Passing klamottentechnisch sofort verbessern werden. Wir können uns stylingmäßig vieles von den BioFrauen* abgucken. Aber vorsicht: Wenn eine BioFrau daneben liegt, wird sie lediglich für eine scheiße angezogene Frau gehalten. Wenn wir daneben liegen, hält man uns sofort für Transvestiten. Deshalb müssen wir uns noch mehr Mühe geben, als die BioFrauen* selbst. Nun, das ist zum Glück nicht schwer.
Wir ziehen keine total altmodischen Klamotten an, die lange aus der Mode sind. Weg mit dem Fummel. Wir kaufen etwas Neues. Wir brauchen dazu nicht einmal viel Geld auszugeben. Wenn wir uns z.B. bei H&M ein aktuelles Outift kaufen, können wir nicht völlig danebenliegen. Und der Effekt, dass tausend Girls dieselben Klamotten tragen, ist in diesem Fall sogar erwünscht.
Dasselbe gilt für Schuhe: Nein, wir tragen nicht die alten Pumps unserer ExFrau auf, nur weil wir die mal so chick fanden, die Schuhe und die Frau. Bei Deichmann gibt es aktuelle Styles für wenig Geld. Im Laden bis Größe 42, im Onlineshop sogar bis Größe 44. Die Absatzhöhe suchen wir nach Tageslicht-Tauglichkeit und nach unserer Körpergröße aus. Frauen ab 1,9m fallen auf, Absätze ab 7cm Höhe ebenfalls!
Wir kleiden uns unserem Alter entsprechend. 50-jährige ExMänner sollten eher wenig von Miss Kitty tragen. Für Klamotten mit Winnie Puuh Motiven gilt dasselbe! Keine Teenieklamotten für alte ExMänner! (Meine Freunde liegen jetzt schon lachend am Boden, denn gerade ich selbst halte mich ungefähr nie an diesen Tipp. Stichwort: Zweite Pubertät)
Wir tragen keine zu engen Klamotten, wir gehen nicht bauchfrei und wir verdecken mindestens die Oberarme. Unser Oberkörper, die Schultern und besonders die Arme sind meistens kräftiger, als das bei einer BioFrau* der Fall ist. Deshalb müssen wir Oberteile so aussuchen, dass sie die typisch männlichen Attribute so gut es geht kaschieren. Besonders gilt das für einen männlichen Bauch und für kräftige Arme.
Das Outfit muß zur Tageszeit und zur Location passen. Rote Pumps und Ledermini zur schwarzen Strumpfhose sind sogar in der Disco grenzwertig. Doch tagsüber bei LIDL machen wir uns damit komplett zum Löffel.
Wir tragen die passenden Accessoires. Eine Handtasche, Schmuck, Tücher, oder ein Schal machen das Outfit erst vollständig. Es reicht nicht, sich als Mann einen Rock anzuziehen und fertig ist die Frau. Schaut euch bei den jungen Girls ab, welche Accessoires sie zu ihrem Outfit tragen. Bei New Yorker, oder bei H&M bekommt ihr modischen KrimsKrams für wenig Geld. Kauft genau das, was auch die Girls auf der Straße tragen. Es ist meistens modisch chick und durch den Mainstream Look trotzdem unauffällig.
Fazit: Um unser Passing zu verbessern, müssen wir anfangs alles unternehmen, um möglichst wenig aufzufallen. Keine Mikrominis und keine pinken Pumps! Später, wenn unser Passing insgesamt besser geworden ist, können wir bei der Klamottenauswahl wieder lockerer werden. Letztlich geht es darum, einen eigenen Style zu finden, der zu uns passst und in dem wir uns wohlfühlen.
*MzF: Mann zu Frau Transsexuelle * BioFrau: eine Frau, die bereits als Frau geboren wurde
Tiefrot leuchtet das Laserschwert des Schurken in den Star Wars Filmen. Nur die Guten lasern in grün oder blau. In der Praxis von Frau Dr. Rohde am Exerzierplatz ist es umgekehrt. Hier kämpfen die Guten mit dem rotem Lichtstrahl ihres Ruby Star gegen meine bösen Barthaare. Und inzwischen sieht es endlich nach einem Sieg aus. (Dem der Guten, nicht der Haare)
Mein Bartschatten ist fast vollständig verschwunden und ich brauche nur noch alle paar Monate eine kleine Auffrischung. Die Abstände zwischen den Behandlungen werden immer länger. Drei Monate ist der letzte Lasertermin jetzt schon her.
Das Melanin der Haarwurzeln absorbiert das rote Laserlicht des Rubinlasers besonders gut, während die Haut und das Blut von dem roten Licht des Rubins weitgehend in Ruhe gelassen werden. Dadurch wird eine schonende und halbwegs effektive Epilation überhaupt erst möglich. Trotzdem braucht man viel Geduld, bis einem südländisch behaarten Mann endlich ein glattes Frauengesicht gelasert wurde. Bei mir hat es länger als ein Jahr gedauert, bis die Camouflage Schminke endlich arbeitslos war.
Das Lasern selbst geht wirklich schnell. Da lohnt sich kaum das Hinlegen. Die Situation erinnert stark an die Behandlung beim Zahnarzt und hat wirklich etwas von Wurzelbehandlung. Denn so ganz schmerzlos ist auch die Wurzelbehandlung beim Hautarzt nicht. Die Wangen, der Hals und auch die Brust sind überhaupt kein Problem. Es zwiebelt nur ganz leicht, wird heiß und riecht nach verbranntem Haar. Nur die paar Laserschüsse auf der Oberlippe. Die sind nicht witzig. Ich tröste mich jedes Mal mit dem Gedanken daran, dass nach einer Minute schon alles vorbei ist und ich nach Hause gehen kann. Dennoch: der Laserkopf links im Bild ist ein echtes Arschloch!
Die Behandlung mit dem Alexandritlaser hat mir dagegen wesentlich döller mehr wehgetan. Doch inzwischen gibt es vielleicht schon andere Techniken, die noch besser und schmerzloser sind, als der Ruby Laser.
Fazit: Die Laserepilation war für mich der wichtigste Schritt auf dem Weg zum Passing. Ihr solltet euch frühzeitig um die Kostenübernahme durch eure Krankenversicherung bemühen. In Einzelfällen kann es sich lohnen, die Behandlungskosten anfangs selbst zu tragen und sich später von der Krankenkasse erstatten zu lassen. So habe ich es gemacht. Die einzelne Behandlung kostet ungefähr 80 EUR (nur Oberlippe) bis 200 EUR (komplettes Gesicht) und muß anfangs alle zwei bis drei Wochen wiederholt werden.
PS: Ich muß langsam aufhören, mir jeden Morgen Estreva Gel auf die Brust zu schmieren. Ich sehe aus wie ein Footballspieler mit Brustpanzer. Dabei ist der Busen echt. Oder ob es der billige BH von Tchibo Prozente ist?
"Hoffentlich zieht Oscar Loya die Lederjacke aus und hält seinen SixPack voll in die Kamera." "Muß nicht unbedingt sein," denke ich im Stillen. Laut sage ich: "Die Schwulen sind beim Grand Prix schon genauso bekloppt, wie andere Jungs zur Fußball-Weltmeisterschaft."
Der Eurovision Song Contest ist in jedem Jahr ein riesiges Event in der schwulen Szene. Und auch die Kieler T-Girls haben den Grand Prix für sich entdeckt und feiern mit. Zumindest ich tue das :-)
Letztes Jahr habe ich im Birdcage mitgefeiert und die Stimmung war gut, auch wenn der 36cm Röhrenfernseher, den Micha auf den Tresen gestellt hatte, so ein bisschen die Partybremse war.
Im Harlekin hat Mario diesmal für uns eine richtig fette Party vorbereitet. Der Song Contest wird live auf eine Großbildleinwand neben der Tanzfläche gebeamt. Ich hab schon mit Mario gesprochen: "Ihr könnt trotzdem tanzen, wenn ihr den Wirsing nicht gerade genau in den Beamerstrahl haltet." Für alle Girls ab 1,80m bedeutet das vermutlich: flache Schuhe anziehen. Zum Glück bin ich ja nur 1,72m groß (auf dieselbe Weise, wie ich nur 66kg wiege und erst 23 bin).
In diesem Jahr möchte ich zum Eurovision Song Contest so richtig abfeiern und deshalb frage ich: "Los, Leute. Wer feiert mit?"
Keine Klamotte ist zu trashig, kein Outfit zu daneben. Beim Grand Prix geht wirklich alles, außer Unauffällig. Und außerdem hat das Harlekin keine Fenster, weshalb sich die Augenkrebsgefahr für zufällige Pasanten im vertretbaren Rahmen hält. Das ist auch ganz gut so, denn ich werde vermutlich under cover als School-Girl über die Tanzfläche vibrieren. Hoffentlich lassen die mich überhaupt so rein, weil der Laden doch erst ab 18 ist ...
Die Preise im Harlekin sind echt günstig und wir kriegen die ganze Nacht lang auch kleine Gerichte gegen großen Hunger (z.B. Schnitzel mit Toast: 3,20€)
Übrigens, ich mags kaum sagen, aber unseren deutschen Beitrag Miss Kiss Kiss Bang von Alex Swings, Oscar Sings find ich ziemlich gut und vielleicht zeigt Oscar ja wirklich ein bisschen was von sich?!"
Fazit: Für Transgender Girls, die ein bisschen Lust auf Party haben, ist der Eurovision Song Contest eine tolle Möglichkeit einmal so richtig die Sau rauszulassen. Durch die geschützte Location Harlekin Bar können auch unsichere T-Girls unbeschwert mitfeiern, ohne Angst vor Belästigung zu haben. Denkt daran: Das Leben ist draußen und hier ist eine super Chance, daran teilzuhaben.
HARLEKIN Kirchhofallee 38, 24114 Kiel täglich ab 20 Uhr und hat wirklich lange auf Die Bar hat einen eigenen Parkplatz direkt vor dem Eingang. Sa. 16.05.2009, Beginn: 20 Uhr, Eintritt frei.
Manchmal frage ich mich, warum Transsexuelle nicht häufiger ins Theater gehen? Hier können wir voll aufgestrapst in der Öffentlichkeit unter Menschen sein, ohne dabei auch nur im Geringsten aufzufallen. Jedenfalls nicht mehr, als die beiden Typen, die in Badelatschen an mir vorbei ins Schauspielhaus schlurfen. "Wow! Tolle Schuhe." Die Bemerkung kann ich mir einfach nicht verkneifen.
Mein garstiger Kommentar passt perfekt zu Lars von Triers ebenso bissiger Komödie Der Boss vom Ganzen. Zacharias Preen, der heute abend den Kristover spielt, hatte mich auf das Stück aufmerksam gemacht: "Das ist gut, das mußt du sehen." "Und nicht nur, weil ich darin der Boss vom Ganzen bin." fügt er mit einem charmanten Lächeln hinzu.
Die Handlung ist schnell erzählt: Ravn, Chef einer kleinen IT-Firma leidet unter seiner eklatanten Führungsschwäche. Deshalb erfindet er einen imaginären Boss, der angeblich von Amerika aus die Firma führt. Mit diesem Trick kann Ravn auch unangenehme Weisungen erteilen, ohne dadurch die Zuneigung seiner Leute zu verlieren. Doch als Ravn die Firma verkaufen will, braucht er dazu einen echten Boss aus Fleisch und Blut. Dafür engagiert er den arbeitslosen Schauspieler Kristover, der jedoch seine ganz eigene Vorstellung von der Rolle des Chefs hat und als Boss vom Ganzen schon bald für jede Menge Ärger sorgt.
Meine Freundin Claudia und ich haben zwei super Plätze. Wir sitzen in der Mitte der ersten Reihe und bei manchen Szenen sind uns die Schauspieler so nah, dass wir sie fast berühren können. Als Eva Krautwig sich in der Rolle der Lise lasziv an den Bühnenrand setzt, bin ich kurz davor, selbst ein wenig ins Geschehen einzugreifen. Claudia muß das gespürt haben, denn sie nimmt instinktiv meinen Arm und hält mich zurück. "Danke Claudie", denke ich: "Du hast mir gerade ein lebenslanges Hausverbot in allen Kieler Spielstätten erspart." Was ich damit sagen will: ich finde Eva Krautwig als Schauspielerin geradezu unglaublich. Hoffentlich entdeckt das Fernsehen sie nicht für sich, denn dann sind wir sie los.
Das Stück macht uns beiden viel Spaß. Es nimmt manche überraschende Wendung und lebt besonders durch Imanuel Humm als Ravn und durch Zacharias Preen als Kristover. In einer Nebenrolle begeistert Christian Kämpfer als Finnur Sigurson das Publikum. Er spielt einen urwüchsigen isländischen Firmenkäufer und spricht dabei die ganze Zeit über in einer Sprache, von der ich selbst jetzt noch nicht weiß, ob das tatsächlich isländisch war, oder nur ein ausgedachter Fantasiekauderwelsch.
Fazit: Der Boss vom Ganzen ist eine ziemlich bissige Komödie ohne störende Längen und ist auf jeden Fall einen Theaterbesuch wert. Den Transgendern kann ich nur raten, sich eine gute Freundin zu schnappen und gemeinsam die wunderbare Welt des Theaters zu erkunden. Es ist wirklich die Gelegenheit, auch einmal eines der Kleider zu tragen, in denen ihr tagsüber bei ALDI schon ziemlich heavy auffallen würdet. Aber das ist nun wieder Stoff für eine ganz andere Geschichte.
Du brauchst eine weibliche Frisur! Die Haare bestimmen den Großteil unseres Aussehens. Die Frisur ist nach einem völlig bartlosen Gesicht der stärkste Faktor für ein gelungenes Passing. (siehe Tipp 1)
Viele Frauen tragen diesen überaus praktischen und völlig unweiblichen Kurzhaar-Birkenstockschnitt. Trotzdem werden sie nicht für Männer gehalten. Solche Bequemlichkeit können wir uns als T-Girls auf keinen Fall erlauben und abgesehen davon sieht es meistens shice aus.
Eigenhaar, Eigenhaar, Eigenhaar!
Wenn es auch nur im entferntesten möglich ist, dann tragt euer eigenes Haar in einer weiblichen Frisur. Das geht sogar mit kurzen Haaren schon ganz gut. Das eigene Haar ist jeder Perücke überlegen, weil es echt ist und niemals zu perfekt aussieht.
Seht euch bitte das Foto an. Es ist vom November 2005. Ich hatte die Wahl zwischen einer Perücke und den vorhandenen kurzen Haaren. Meine Freundin Ausma hat die männliche Kurzhaarfrisur einfach zu einem stylishen Bob geföhnt. Das Ergebnis hat mich total überrascht, denn noch 3 Monate vorher sah ich so aus. Klick.
Fast immer habe ich bessere Erfahrungen mit den Tipps von Freundinnen gemacht, als mit der Arbeit von Friseuren. Ein Friseur will schneiden, um Geld zu verdienen, während meine Freundinnen genau wußten, worauf es mir ankam. Mein Haar wächst ca. 12 bis 15 cm pro Jahr und da ist jeder Zentimeter kostbar. Auf dem Weg zum langen Haar entstanden unterwegs die verrücktesten Frisuren, aber jede war etwas weiblicher, als die vorhergehende.
Haarverlängerung, Haarverdichtung
Dabei werden vorgefertigte Haarsträhnen dauerhaft im Eigenhaar zu befestigt, um eure eigenen Haare zu verlängern, oder zu verdichten. Es gibt verschiedene Methoden zur Befestigung der Haare am Haaransatz. Bei der kalten Methode werden die Haare mittels Klemmhülsen am Eigenhaar befestigt. Das geht schnell und einfach, aber bei einer schlechten Quetschverbindung verliert man die Haarsträhnen gleich büschelweise. Die zweite Methode verbindet die Haare mit heißem Keratin. Das ist aufwendiger beim Setzen und Lösen der Strähnen, aber dafür ist es unauffälliger und die Hülsen drücken nicht am Kopf.
Die Haarverlängerung muß alle paar Monate wieder hochgesetzt werden, weil die Verbindungsstellen ganz langsam ans Tageslicht wachsen. Zum Hochsetzen müßt ihr wieder zum Friseur, der die Strähnen löst und danach am Haaransatz wieder neu befestigt. Viele Strähnen werden wiederverwendet, einige werdet ihr neu kaufen müssen.
Eine Haarverlängerung ist zeitaufwendig und teuer, aber der natürliche Look in Verbindung mit dem Eigenhaar kann das Geld wert sein. Haarverlängerungen werden ab ca. 200 € angeboten.
Perücken
Eine Perücke bietet einige Vorteile: Sie wirkt sofort, ihr könnt wechselnde Frisuren tragen und Transvestiten tragen sie nur dann, wenn es ihnen gefällt. Doch Vorsicht: Perücken sind tricky. Kein anderes Accessoire macht uns so schnell zum Löffel, wie eine schlecht ausgesuchte Perücke.
Worauf muß ich achten? Frisur und Haarfarbe müssen zu eurem Alter, zu eurer Statur und zu eurem Typ passen. Unvergessen ist das Girl, das vor Jahren mit einer langen blonden WallaWalla-Mähne zur Selbsthilfegruppe kam. "Wow, welch eine tolle Frisur", dachte ich. Ja, schon, aber nicht für einen lebensälteren Bauarbeiter mit deutlich sichtbarem Bartschatten.
Es ist ganz natürlich, dass wir uns eine besonders schöne und sexy Frisur aussuchen, aber hier sollten wir ausnahmsweise wirklich mal ein, zwei Gänge zurückschalten. Die Frisur darf einfach nicht zu perfekt aussehen. Nicht zu lang, nicht zu jugendlich und nicht zu blond.
Beinahe vernachlässigen könnt ihr die Frage nach Echthaar oder Kunsthaar. Meine Empfehlung geht eindeutig zu einer guten Kunsthaarperücke. Schon ab 100 € könnt ihr eine richtig tolle Frisur finden. Eine Echthaarperücke kann leicht zu einem teuren Fehlkauf werden wenn ihr damit nicht zufrieden seid, oder wenn euer Eigenhaar endlich lang genug ist.
Ich kann die kleinen Camaflex Perückenläden empfehlen, wie man sie als Shop-in-Shop in vielen Karstadt Filialen findet. Die Beratung ist nach meiner Erfahrung und der meiner Freundinnen sehr engagiert. Die Perückengirls geben sich richtig Mühe mit Transgendern. Ihr müsst eure Perücke unbedingt anprobieren. Männerköpfe sind meistens größer als Frauenköpfe und manche Perücke ist daher zu klein. Deshalb rate ich auch von einem Kauf im Internet ab. Die Chance auf : Passt nicht, sitzt nicht, sieht shice aus, ist viel zu groß.
Leider sind wir durch eine Perücke auch ziemlich festgelegt, denn sie verpflichtet uns zum Tragen. Wir können schlecht den einen Tag mit und dann wieder ohne Perücke zur Arbeit erscheinen.
Fazit: Wenn es irgendwie möglich ist, dann lasst euch eine weibliche Frisur schneiden, färben, föhnen, stylen. Falls das nicht ausreicht, solltet ihr prüfen, ob eine Haarverdichtung das Problem lösen kann. Erst danach geht ihr in Begleitung einer guten kritischen Freundin in mindestens zwei verschiedene Perückenshops und probiert soviele Frisuren aus wie möglich. Viel Erfolg!
Heute starte ich eine kleine Serie mit dem Titel: "7 Tipps für ein besseres Passing". In sieben Schritten möchte ich euch darin die wichtigsten Ratschläge geben, um euer Passing sofort zu verbessern und nicht mehr so schnell als MzF Transgender erkannt zu werden. Diese Serie richtet sich leider nicht an FzM Trannies (sorry, Eric)
Seht euch mal den Typen auf dem Foto links an. Das bin ich am 30.August 2005 und ganz offensichtlich kannte ich damals meinen Passing Tipp Nr. 1 noch nicht.
Ich gucke deshalb so muffelig in die Kamera, weil ich es damals noch für vollkommen hoffnungslos hielt, jemals auch nur im entferntesten wie eine Frau auszusehen.
Aber schon im November 2006 hatte ich ein erstes tolles Passing-Erlebnis und heute gehe ich fast immer als Frau durch. Schaut euch mal im Vergleich dazu dieses Foto an. Das ist derselbe Typ, nämlich ich, nach dem Lesen aller 11 Tipps :-)
Weg mit dem Bartschatten! Ein Bartschatten ist der größte Verräter für jedes T-Girl. Es ist völlig einerlei, ob ihr bereits operiert seid, Schantalle heißt, oder eine Stimme wie die Sängerin von Barbie Girl habt: mit Bartschatten kein Passing!
Anfangs hilft eine wirklich scharfe Nassrasur plus Camouflage. Die Rasur brauche ich euch nicht zu erklären, sowas können wir. Wenn ihr aber nicht gerade der blassblonde Typ seid, dann sieht man jetzt noch immer einen deutlichen Bartschatten unter der Nase und vermutlich auch auf dem Kinn. Diese Stellen müssen abgedeckt werden.
Dazu braucht ihr eine farblich passende Camouflage-Creme (z.B. Artdeco 6,80 €) und Fixierpuder (Artdeco Streuer 7,50 €). Beides bekommt ihr in jeder Parfümerie, aber auch im Douglas Online Shop.
Das Camouflage verteilt ihr am leichtesten mit den Fingerspitzen. Ein Schwämmchen, oder einen Spatel braucht es dazu wirklich nicht. Es ist nicht schwierig, das Camouflage gleichmäßig aufzutragen. Den Bogen solltet ihr nach ein paar Minuten raus haben. Wichtiger ist die passende Farbe. Ihr dürft keinen zu dunklen Farbton nehmen. Am besten lasst ihr euch in der Parfümerie den passenden Farbton zeigen. Die Girls sind fast immer supernett und haben keine Probleme mit Transgendern. Ich bin anfangs als Mann hingegangen und habe mir einfach den richtigen Farbton zeigen lassen, um meinen Bartschatten abzudecken.
Die entstandene Schicht wird dick mit dem weißen Fixierpuder abgepudert. Das überzählige Puder wird nach einigen Minuten mit einem dicken Puderquast abgebürstet, fertig. Jetzt könnt mit dem Schminken des Gesichts fortfahren, der Bartschatten ist weg.
Das Fixierpuder macht das MakeUp wasserfest und außerdem ziemlich wischfest. Man kann damit bedenkenlos essen und trinken, ohne dass sich Weißwein in Baileys verwandelt.
Trotzdem fühlte ich mich mit dem Camouflage auf jeder Party wie Cinderella. Ich hatte zwar keine Angst davor, dass sich meine Schuhe verwandeln könnten, die waren von Deichmann, da konnte nix passieren, doch gegen Mitternacht wuchs mein Bartschatten so langsam durchs MakeUp. Das könnt ihr vermeiden durch die dauerhafte Epilation mit einem Laser.
Es gibt verschiedene Laserverfahren, die einem ständigen Wandel und Fortschritt unterliegen. Deshalb empfehle ich die Beratung bei einem Hautarzt, oder ihr hört auf die Empfehlungen anderer Transgender. Hier in Kiel besuchen viele meiner Transfreundinnen die Praxis von Frau Dr. Rohde und auch ich habe mich dort epilieren lassen.
Die Kosten der Laserepilation werden bei Transsexuellen von der Krankenkasse übernommen. Jede einzelne Behandlung dauert nur wenige Minuten und ist durchaus erträglich, auch wenn sie nicht ganz schmerzfrei ist. Man kann sagen: es zwiebelt ganz schön.
Schon nach wenigen Behandlungen ist der dunkle Bartschatten deutlich abgeschwächt und nach einiger Zeit ist er völlig verschwunden. Selbst ohne MakeUp ist nichts mehr zu sehen. Weil der Laser aber nur dunkle Haare treffen kann, müsst ihr die übrig gebliebenen hellen, bzw. grauen Barthaare entweder weiterhin rasieren, oder mit der Nadel epilieren lassen. Damit habe ich allerdings keine eigenen Erfahrungen gemacht, weil ich das Problem nicht habe.
Zusammenfassung: 1. Eine gründliche Nassrasur zuerst mit und danach gegen den Strich 2. Den verbleibenden Bartschatten mit Camouflage-Creme abdecken 3. Die Cremeschicht mit Fixierpuder abpudern 4. Drei Minuten warten und das überflüssige Puder mit einem großen Puderquast abbürsten 5. Den Rest des Gesichts schminken 6. Have fun!
"Wer zum Fiffi ist Dieter Thomas Kuhn?" Ich hab diesen Namen noch nie gehört. Boris ringt sichtlich um Fassung: "Wie, du kennst die singende Föhnwelle nicht?" "Nein, nie gehört." Schließlich hab ich keinen Fernseher und bei mir hört es musikalisch irgendwo bei Ilja Richter auf. Sonst kenn ich ungefähr niemanden.
Boris hat vier Freikarten für die Show Musik ist Trumpf mit Dieter Thomas Kuhn heute abend in Flensburg. Und außerdem kann Boris sehr überzeugend sein: "Es ist wirklich total lustig und mit Schlagern und mega Stimmung und es wird die ganze Zeit getanzt und ganz viele Leute ziehen sich im 70er-Jahre Look an."
Im Hinterkopf denke ich schon an meine weißen Cheerleader-Stiefel und das lila Minikleid und bin überzeugt noch bevor Boris zu Ende gesprochen hat. Und das, obwohl ich Sonntag abends sonst niemals weggehe, weil ich mich von Freitag und Samstag erholen muß. Aber Boris charmanter Einladung kann ich einfach nicht widerstehen.
Auf der Fahrt nach Flensburg zum Deutschen Haus sitze ich hinten, weil ich diesmal tatsächlich die Kleinste bin, was ein ganz ungewohntes Gefühl für mich ist. Ich genieße es, von den Jungs abgeholt und nach Flensburg gefahren zu werden. Ich muß nix machen, außer da zu sein, gute Laune zu verbreiten und zu versuchen gut auszusehen. Wow, ich hätte schon viel früher die Seite wechseln sollen. Was hab ich mir früher oft ein Bein ausgerissen für die Frauen.
Boris Freund Sven (auf dem Foto neben mir) ist erst 20 und außerdem nicht viel dicker als mein rechter Oberschenkel. Ich beschließe spontan, ihn nicht zu mögen, aber dazu ist er einfach viel zu süß und später stellt er sich auch noch als toller Tänzer heraus. Allerdings macht es mich total kirre, dass er Sven heißt. Schließlich war das auch mein Vorname, bevor eine Svenja aus mir wurde. Jedesmal wenn ich ihn anspreche, klingt ein Saite ganz tief in mir drin. Das ist schon ein sehr merkwürdiges Gefühl.
Als wir ins Deutsche Haus kommen, fällt mir sofort die ausgelassene Partystimmung auf. Viele Leute sind total flippig angezogen. Dagegen stinke ich richtig ab in meinem blöden H&M Minikleid. Wenn ich aber die ganzen Girls in langweiligen Jeans und Turnschuhen ansehe, fühl ich mich gleich wieder besser.
Die Show beginnt und ich werde innerhalb von Minuten von der Nicht-Kennerin zum überzeugten Fan von Dieter Thomas Kuhn, der singenden Föhnwelle. Wow, welch eine tolle Show, welch eine Stimmung. Für die paar Landeier unter euch, die noch nie was von D.T.K. gehört haben: er spielt mit seiner Kapelle die bekannten deutschen Schlager nach. Aber nicht in langweilig, sondern schneller und mit viel mehr Power.
Als er "Hey! Amigo Charly Brown" spielt, flippen die Leute im Saal total aus und Boris, Claudia, Sven und ich gleich mit. Mein Kleid ist jetzt schon völlig durchgeschwitzt, denn wir tanzen, klatschen und singen die ganze Zeit. Bis zu diesem Zeitpunkt ist mein Passing als Frau wirklich ganz gut, ich glaube die Leute haben noch nicht gerafft, dass ich mein eigener ExMann bin. Doch dann passiert mir ausgerechnet bei "Fiesta Mexicana" ein kleiner Faux Pas. Für mein "Hossa! Hossa! Hossa!" benutze ich dieselbe Stimme, die auch vor der Hundertschaft in Eutin immer gut angekommen ist. "Das ist ein Mann!" informiert daraufhin die süße Blonde im ABBA Kostüm neben mir die Umstehenden. "Nobody's perfect." denke ich so bei mir. Und auf einmal fällt mir auch auf, dass die "süße Blonde" eigentlich ganz schön fette Oberschenkel hat. Jedenfalls ein bisschen.
Am Ende der zweistündigen Show bin ich völlig erledigt. Meine Stimme ist weg, das Kleid ist nur noch ein nasser Lappen und das MakeUp hab ich mir zweimal quer durchs Gesicht gewischt. Welch ein mega toller Abend. Danke Boris für die Einladung.
Fazit: Als Transgender könnt ihr übrigens ganz beruhigt in Frauenkleidern zu einem Schlagerkonzert gehen. Viele Leute sind verkleidet und es waren einige Männer dabei, die sich in 70er Jahre Frauenkostüme Marke ABBA geworfen hatten. Anything goes. Hier werdet ihr auch ohne gutes Passing euren Spaß haben.
Es ist Donnertag abend und ich sitze allein zuhause. "Mensch, ist mir langweilig", denke ich, als mir plötzlich das graue Minikleid ins Auge fällt, mit dem ich gestern im Theater war. Im Non Solo Pane ist heute After Work. Da könnte ich doch ...
Zwanzig Minuten später bin ich schon unterwegs ins Non Solo Pane in der Holtenauer Straße. "Glück muß man haben", denke ich, als ich meinen kleinen schwarzen Seat in die letzte freie Parklücke direkt vor der Bar zirkele. Vor mir ein BMW Cabrio, hinter mir ein SLK. Beide Wagen schwarz, beide Wagen typisch Non Solo Pane.
Es ist kurz nach 21 Uhr und der Laden ist jetzt noch ziemlich leer. Eine Traube von Leuten steht um eine provisorischen Bar direkt auf dem Bürgersteig, wo ein charmanter junger Barmann Prosecco, Wein und Bier ausschenkt. Die Idee finde ich prima. Ich hole mir drinnen einen Becher Kaffee und stelle mich nach draußen zu den übrigen After Workern. Ich kriege sogar einen netten Typen dazu, noch schnell ein Foto von mir zu machen.
Doch irgendwie schaffe ich es heute nicht, mit irgend jemandem ins Gespräch zu kommen. Obwohl ich wirklich viel in Kiel unterwegs bin, sehe ich nicht ein einziges bekanntes Gesicht.
Das Publikum im Non Solo Pane ist eine Mischung aus Yuppies und Wannabes. Letztere besitzen nicht mal den allerkleinsten SLK, während erstere verzweifelt auf der Suche nach einem Parkplatz in Sichtweite ihres Publikums sind. Ich entdecke mindestens zwei Patrick Batemans und sogar einen täuschend echten Paul Allen.
Gegen 22 Uhr wird es langsam voller im Non Solo Pane. Die Tanzfläche ist geradezu einladend leer, aber ich bin nicht mehr in Stimmung zu tanzen und mache mich wieder auf den Heimweg. Ich muß morgen nämlich tatsächlich arbeiten.
Als Transgender könnt ihr dort übrigens bedenkenlos hingehen. Die Gäste verhalten sich politisch korrekt und werden euch ganz sicher nicht dumm ansprechen. Vermutlich werden sie euch nicht einmal bemerken, weil sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.
Fazit: Das Non Solo Pane ist ein nobler, wirklich gut geführter Laden und dabei sogar überraschend preiswert. Es gibt eine Vielzahl einladender Steh- und Sitzplätze drinnen wie draußen. Die After Work fängt rechtzeitig an, ist perfekt durchgestylt und bietet als kleines Highlight sogar eine Außenbar. Doch für meinen Geschmack sind hier zu viele Schlipsträger und Versicherungsbanker à la Patrick Bateman. Da fühle ich mich nicht wohl.
In der nächsten Woche stelle ich euch das Hanging Garden vor, dann erlebt ihr einmal den krassen Gegenpol zum Non Solo Pane :-)
Es gibt viele Gründe, warum ich gerne ins Theater gehe. Wo sonst kann ich als Transgender mehr über authentisches Rollenverhalten lernen? Wo sonst bin ich im kleinen Schwarzen so gut aufgehoben? Und wo sonst gibt es ein Riesenglas Pino Grigio für nur 3,50€, wenn nicht in der Künstlerkantine des Kieler Schauspielhauses?
Heute Abend sehe ich Statisten des Skandals, ein Stück um die Barschelaffäre des früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel. Statisten sind die Menschen, die in den Skandal hineingezogen wurden, ohne zu wissen, wie ihnen geschah. Da geht es um Barschels Fahrer, um seine Chefsekretärin, um Studienkollegen, um die Detektive, die Björn Engholm observierten und auch um die STERN-Reporter, die in Genf die Leiche Uwe Barschels gefunden haben.
Für heute abend erwarte ich ein trockenes, vielleicht sogar langweiliges und auf jeden Fall kopflastiges Theaterstück. Wäre ich nicht von einer lieben Freundin eingeladen worden, sie heißt auch Swenja (mit W), dann wäre ich gar nicht hier.
Die Vorstellung findet im Studio auf der kleinen Probenbühne des Kieler Theaters statt. Dort stehen 60 Holzklappstühle in fünf Reihen hintereinander. Auf jedem Platz kann man supergut sehen, die erste Stuhlreihe steht direkt auf der Bühne. Ich setze mich an den Mittelgang, um notfalls unauffällig zu verschwinden, falls mein Dubs die Klappstühle, oder ich das Stück nicht länger ertragen kann.
Aber soweit kommt es gar nicht, stattdessen ziehen mich die Schauspieler von der ersten Minute an in ihren Bann. Eva Krautwig, Jennifer Böhm, Gerrit Frers, Stefan W. Wang, die vier Schauspieler des Kieler Ensembles wechseln die Rollen in rasender Geschwindigkeit. Dabei werden der Name und die Bedeutung der jeweiligen Figur mit Leuchtschrift an den oberen Rand der Bühne geworfen. Es gibt keinen Kostümwechsel während des 80-minütigen Stücks.
Ich bin wie gefesselt und lasse mich selbst dann nicht ablenken, als bei der Else schräg hinter mir im Publikum das obligatorische Handy klingelt.
Fazit: Die Statisten des Skandals ist ein spannendes Theaterstück. Die Probenbühne im Schauspielhaus Kiel bietet durch die Nähe zu den Akteuren ein besonders intensives Theatererlebnis. Leider gilt das auch für die hölzernen Klappstühle, die ebenfalls für ein besonderes Erlebnis sorgen. Länger als 90 Minuten hielte mein Dubs das jedenfalls nicht aus.
"Ok, meinetwegen. Ihr könnt bei mir schlafen. Aber wenn ich morgen früh nach Hause komme, dann fang ich an zu kochen und wir gucken noch einen Gruselfilm!" Diana und Claudia sind sofort einverstanden. Noch ahnen die beiden nicht, dass ich Fischstäbchen und Splatterfilme im Sinn habe.
Als wir losgehen, bewundert Diana mein Outfit mit lobenden Worten: "Wow, Svenja! Du siehst aus wie eine totale Schlampe." Ich überlege spontan, Diana zu adoptieren, denn unter T-Girls auf dem Weg zu einer Party ist Schlampenoutfit das größte Lob.
Wir stöckeln zuerst ins Chaplin's, einer kleinen, gemütlichen Cocktailbar in der Kieler Waisenhofstraße. Heute abend spielt hier Jake Adams, ein guter Freund und toller Entertainer. Als wir zu dritt voller Party-Power ins Chaplins vibrieren, treffe ich dort eine Bekannte mit ihrer Freundin, die beide auch total gut drauf sind. Diana und ich im Chaplin's
Spätestens als Jake für mich Brown Eyed Girl spielt, habe ich den ganzen Shice des Alltags vergessen und tanze so fröhlich und ausgelassen wie immer. Nur meine Füße meckern ein bisschen über die 10cm Absätze meiner neuen ESPRIT Stiefel (eBay: 13,85€).
"Ok, ihr beiden, Deal: Ihr lasst mich jetzt nicht im Stich und dafür gibts später die goldenen Ballerinas von Buffalo. Die mögt ihr doch, oder?" "Deal!"
Kurze Zeit später sind wir schon wieder unterwegs und stöckeln das kleine Stück rüber ins After Dark zum Tiffy Club. Das Tiffy ist ein super Party Event für Transgender, Lesben und Schwule in Kiel.
Die üblichen Discos, wie die in der Bergstraße, oder die Mausefalle im CAP sind für Transgender Girls eher ungeeignet. Der übliche Mix aus Alkohol, Dummheit und Multikulti kann einem sehr schnell den Abend verderben. Und außerdem hab ich auf queerportal.de zwei Freikarten fürs Tiffy gewonnen, yeah!
Im After Dark ist um diese Zeit schon mega Stimmung und die Nebelmaschine läuft auf 110%. Für jeden Gast gibt es Free Shooters und am Eingang eine weibliche Security. Ich entdecke spontan mein Herz für Türsteher. Jedenfalls für solche, die Melanie heißen und dabei auch noch sexy aussehen. links: Diana, Svenja, Claudia
Für die Musik sorgt DJ-Digger. Er ist zwar mein Lieblings-DJ, aber heute meint er es etwas zu gut mit uns. Die Bässe lassen mir die Strumpfhosen auf der Haut vibrieren. Ich habe vorgesorgt und aus der Aphothke drei Portionen Ohropax für uns geholt. Als Marco das sieht, ist er völlig verständnislos und lässt sofort die Lautstärke nachmessen: "126db, alles in Ordnung. Das ist nicht zu laut." Vermutlich sind wir es, die durch die Hormone so zickig gewordens sind. Als ich aber später in einem Anfall von Wahnsinn das Ohropax rausziehe, hat mein Trommelfell seine erste NahTod-Erfahrung.
Fünf Minuten später sind wir schon unterwegs ins Birdcage in der Rathausstraße. Das Birdy ist die Szenebar für Transgender in Kiel. Hier trifft man Lesben, Transgender und Schwule, aber auch ganz normale Heten, die entweder die Nacht nichtsahnend hereingespült hat, oder die einfach mal gucken wollen, wie "so eine" Bar von innen aussieht.
Tatsächlich kommen wenig später zwei Neugierige ins Birdy, Olga und Björn. Björn ist 25 Jahre alt und schon heftig angesoffen. Während Björn noch beteuert, auf keinen Fall schwul zu sein und nur mal gucken zu wollen, brennt er Claudia ein dickes Loch in ihre 40€ Wolford Strumpfhose. Ich ahne schon, was jetzt kommt und entschließe mich spontan, solange Olga die Zeit zu vertreiben, denn Björn ist erstmal beschäftigt.
Olga ist ungefähr genauso alt wie die weißen Buffalo Clogs aus Lackleder, die noch irgendwo ganz hinten in meinem Kleiderschrank stehen müssen und auch ungefähr genauso süß. Für ein so junges Mädchen hat sie bereits einige ganz erstaunliche Ansichten über das Leben und ich höre ihr geduldig zu.
Als Michael, bester Barkeeper von allen, uns gegen halb fünf mit seinem berühmten Chili versorgt, habe ich den Verdacht, er will nur den Getränkeumsatz ankurbeln. Michas Chili ist wirklich lecker, dabei aber so scharf, dass es ganz sicher auch Löcher in Strumpfhosen brennen kann. Wir löschen unseren Durst ausgerechnet mit ein paar Gläsern kaltem Chardonay. Tolle Idee. Ich ahne schon, wie der Abend enden wird. Tiffy Club - Rechts: ich, Links: keine Ahnung
Um kurz nach sechs brechen wir endlich auf und stöckeln leicht angeschickert das kleine Stück vom Birdy in meine Wohung. Nur das Chili bewahrt Diana und Claudia in dieser Nacht vor dem Duft von gebratenen Fischstäbchen. Als Ersatz gibt es eine kleine Platte mit Oliven, Salami und Käse. Dazu mache ich uns einen Vampirfilm an, dem ich aber nicht mehr ganz folgen kann. Als wir endlich einschlafen, ist es schon 8 Uhr morgens und das Gebrüll der Vögel ist unerträglich.
Fazit: Eine ganz normale T-Girl Partynacht mit dem einen Zweck: "Dancing the Shice away." Getanzt an verschiedenen Orten: zwei Freundschaft mit jungen Kasachinnen geknüpft: eine Strumpfhosen: minus eins Freie Drinks bekommen: neun Aspirin genommen: vier Als alter Mann beschimpft worden: zweimal :-(
Stylespion hat die Blogger dazu aufgerufen, ihre liebsten deutschsprachigen Weblogs zu verlinken und kurz vorzustellen. Und hier kommt die Liste von Blogs, die ich jeden Tag lese.
Buchhändleralltag und Kundenwahnsinn Aus dem Alltag eines Buchhändlers, der seinen Laden in einem Einkaufszentrum hat. Der tägliche Wahnsinn mit durchgeknallten Kunden, aufgerissenen Büchern und den Jungs von der Centerverwaltung.
Tourist Inflation Weblog aus dem Alltag einer deutschen Touristen Information. Absolut wahnsinnige Kunden mit den skurrilsten Wünschen. Dabei die Ruhe zu bewahren ist ganz sicher eine Kunst.
Fünf Filmfreunde Eine sehr gut gemachte private Filmseite mit vielen Trailern und Hintergrundberichten nicht nur über den Hollywood Mainstream.
Libromanie - All you can read Nina ist eine echte Leseratte und hat ständig ein Dutzend Bücher gleichzeitig auf dem Nachtisch liegen. In ihrem Blog rezensiert sie laufend neue Bücher, spricht Empfehlungen aus und warnt vor Fehlkäufen.
MC Winkel Ein stylisher Blog aus meiner Heimatstadt Kiel. Berichtet über alle Themen rund um den Alltag von MC Winkel. Manchmal so richtig schön bitterböse geschrieben.
Streetgirl Ein sehr spezielles Weblog aus dem Alltag einer Hure. Wirklich krass geschrieben.
Zoee Witzig ironisches Weblog einer alleinerziehenden Mutter aus Hamburg. Wir teilen viele Ansichten über das manchmal merkwürdige Verhalten von Männern.
Sheila Wolf Absolut stylisher Blog aus Sheilas queeren Leben in der Hauptstadt. Es geht um trans, drag, Burlesque und live PinUps.
Cathy DeBuono Der private Blog meiner derzeitigen Lieblingsschauspielerin Cathy DeBuono. Ist hier außerhalb der Wertung, weil englischsprachig.
"Ok, aber wirklich nur noch einen letzten Absacker", sage ich zu Claudia auf dem Rückweg vom Nightfever. "Und der Laden muß schön dunkel sein, weil mein MakeUp langsam den Geistaufgibt." Was nebenbei bemerkt auch kein Wunder ist um halb vier Uhr morgens.
Alle meine Stammläden in Kiel haben um diese Zeit längst zu. Alle meine Läden? Nein. Claudia kennt da noch eine kleine Bar am Fähranleger, wo es auch jetzt noch gute Musik und einen letzten Drink gibt.
Der Blaue Engel liegt am Kieler Hauptbahnhof direkt neben der Klappbrücke nach Gaarden und in Sichtweite des CAP. Keine besonders gute Gegend, um dort nachts im Minikleid mit High Heels umherzustöckeln. (siehe meinen Beitrag: NoGo Areas in Kiel)
Claudia stellt den kleinen Twingo gegenüber am Bahnhof ab und wir stöckeln das kleine Stück über die Bahngleise zum Blauen Engel. Ausgerechnet jetzt kommen ein paar junge Ausländer vom Ostufer über die Hörnbrücke. "Oh, Mann. Warum ziehen sie das Ding nachts nicht einfach hoch?!" Die Jungs beachten uns jedoch gar nicht und steuern zielstrebig auf das CAP zu.
Als ich die Tür zum Blauen Engel aufmache, bin ich total überrascht. Es ist kurz vor 4 Uhr morgens und hier ist noch die Hölle los. Auf der kleinen Tanzfläche neben der Bar drängelt sich ein Dutzend junger Frauen, die lachen, tanzen und feiern was das Zeug hält. Ich komme gar nicht bis zum Tresen, sondern muß sofort mittanzen. Außer zwei jungen Typen sind wir nur Frauen. Ich bin begeistert und bleibe gleich auf der Tanzfläche.
Erst als mir eines der Girls einen breiten goldenen Gürtel verkaufen will, Modell Hauptschule, Hüfthose, Arschgeweih (der Gürtel, nicht die Frau!), merke ich, dass ich mitten in einer Junggesellinnen Abschiedsparty stecke. Yeah! Eine echte Bachelorette Party. Die wollte ich doch schon immer mal miterleben!
Ich erfahre, dass die Verkäuferin Britta heißt und der Gürtel nur 3 € kosten soll. Natürlich kaufe ich ihn sofort. Vielleicht ziehe ich eines Tages ja tatsächlich mal eine Hose an. Dann kann ich so einen Gürtel bestimmt gut gebrauchen. Und die Idee mit dem Tribal am Dubs geht mir auch schon seit längerem nicht aus dem Kopf. Aber das ist Stoff für eine völlig andere Geschichte ...
Leider ist der Vorsprung der Girls im Trinken und Feiern für Claudia und mich schon nicht mehr einzuholen. Unterhalten kann man sich mit ihnen längst nicht mehr. Stattdessen tanze ich ein wenig mit der Braut und überlege, ob ich ihr die Hochzeit noch ausreden kann. Aber sie ist so glücklich, dass ich ihr kein Wasser in den Wein schütten möchte und verzichte auf jeden Versuch.
Ich würde euch gerne noch das abschließende Gruppenfoto zeigen, aber ich glaube, das gehört sich nicht. Trotzdem: tolles Foto. Stattdessen präsentiere ich euch eine leicht übermüdete Svenja an der Bar. Übrigens: So blau wie auf dem Foto war ich in Wirklichkeit nicht :-)
Fazit: Jungesellinnen Abschiedsparty? Jederzeit wieder. Der Blaue Engel ist für Transgender Girls sonst nicht unbedingt die erste Adresse. Die Gegend ist nachts einfach nicht so toll und parken kann man da auch nicht. Am besten lässt man sich dort mit dem Taxi absetzen und auch wieder abholen. Dann ist der Platz ok. Das Publikum ist überwiegend studentisch tolerant und die Problemfälle hängen wohl eher im CAP herum.
"Nein, nein, und nochmals Nein! Ich geh' never zu so einer Travestieshow. Da rennen dann fette Kerle in Tutu und Strumpfhosen über die Bühne und alle lachen. Danach wissen nicht nur BILD-Zeitungsleser über Transsexuelle ganz genau Bescheid. Na toll."
So, oder so ähnlich hatte ich bisher jede Einladung zu einer Travestieshow ausgeschlagen. Doch irgendwie bin ich weich geworden und jetzt sitze ich auf dem Beifahrersitz von Claudias Twingo und bin unterwegs nach Schönberg. "Oh, Mann. Ausgerechnet Schönberg, ausgerechnet Bahnhofshotel. Wahrscheinlich werde ich im Publikum die Einzige sein, die nicht im Landfrauenverein ist. Ich hab ja nicht mal Gummistiefel an."
Voll aufgestrapst steige ich bei strahlendem Sonnenschein in Schönberg aus dem Auto. Ich hab mich für den Abend in ein schlichtes Standardoutfit gezwängt: kleines Schwarzes, Fishnets, Pumps, fertig! Ach ja, die pinkfarbene Federboa nicht zu vergessen. Komisch, bei Tageslicht komm ich mir damit ein kleines bisschen blöd vor, wie ich so ins Restaurant stöckele.
Vor dem Beginn der Show verdrücken Claudia und ich noch jede einen großen Käptns-Teller. Meine Federboa fusselt wie verrückt und überall um mich rum schweben kleine pinke Federn durch den Saal. Ein älterer Herr am Nebentisch schaut fasziniert zu uns herüber und Claudia will ihm eine pinke Feder ans Revers stecken. Leider ist seine Gattin weniger amüsiert und deshalb bleibt es beim Versuch.
Eine Stunde vor Beginn der Vorstellung wird der große Rittersaal geöffnet und durch rücksichtsloses Stöckeln sichern wir uns die vier besten Plätze direkt an der Bühne. Wir sind verabredet mit Annika und Martina, die sich gemeinsam mit uns die Show ansehen wollen.
Der Saal ist komplett mit Tischen eingedeckt und wir werden am Platz bedient. Von Schnitzel Pommes bis Cola ist hier alles zu haben. Als ich den Wein bestelle, merke ich, daß wir auf dem Land sind: die kleinste Einheit auf der Karte ist die Literflasche Weißwein mit Schraubverschluß. Ich bin begeistert!
Die Show beginnt pünktlich und zieht mich von der ersten Sekunde an in ihren Bann. So eine Wahnsinns Show, so ein Niveau und soviel Spaß hätte ich im Leben nicht erwartet. Zweimal kann ich mich nur mit Mühe beherrschen, aufzuspringen und mitzutanzen. Von wegen fette Kerle im Tutu, hah! Wer redet nur so einen Quatsch?
Wir sehen die bekannten Gesichter aus dem Hamburger Pulverfaß und werden von Daphne DeLuxe persönlich durchs Programm geführt. Übrigens ist Daphne die einzige Transsexuelle der Showtruppe. Die übrigen Künstler leben ihren Alltag ganz gewöhnlich als Männer.
In der Pause mischen sich die Künstler unters Publikum. Sie lassen sich fotografieren und beantworten geduldig alle Fragen. Zweimal werde auch ich interviewt und fotografiert. Meinen Einwand, dass ich gar nicht dazugehöre, kann ich mir sparen. Ich trage Frauenkleider und Federboa, deshalb gehöre ich dazu. Die Leute in Schönberg sind ausgesprochen offen und freundlich. Von wegen Landfrauen in Gummistiefeln. Die machen noch meine ganzen Vorurteile kaputt :-(
In der Pause wird mir klar, dass das Frau-Sein auch Nachteile mit sich bringt. Die Schlange vorm Waschraum reicht fast bis in die Gaststube. Puh, das kann dauern. Wie gut, dass ich meine männliche Ausdauer behalten habe und leicht eine Pause aussetzen kann. Einen Wimpernschlag lang überlege ich, mich wie früher bei den Jungs ans Becken zu stellen, verzichte dann aber darauf. Obwohl das sicher ein originelles Fotomotiv geworden wäre.
Nach der Pause geht die Show mit atemberaubender Geschwindigkeit weiter. Keine Sekunde lang kommt Langeweile auf. Da gibt es eine unglaublich gute Pret a Porter Nummer, in der aus simplen Tüchern die unglaublichsten Abendkleider kreiert werden. Dann gibt es einen mitreißenden Tempeltanz der kleinen Sutai aus Indonesien, die so unglaublich schön und anmutig ist, daß ich mich vom bloßen Zuschauen alt und fett fühle. Zweimal tritt Christina als Zarah Leander auf und singt live die bekannten Zarah Songs. Wow, welch eine Stimmähnlichkeit. Echt klasse. Dazu gibt es noch eine unglaublich druckvolle "Cher als Domina" Nummer, einen Prince fast echter als das Original und endlose StandUp Comedy von Daphne DeLuxe, die auch das Publikum nicht schont. Ein älteres Ehepaar am rechten Bühnenrand muß ganz schön einstecken, trägt es aber mit Begeisterung.
Das Highlight der Show ist Paula Jacksons Lasershow. Sie ist eine gute Bekannte von Claudia und hat das Kostüm für die Nummer selbst gemacht. Der Saal wird komplett dunkel und aus dem Bühnennebel tritt Paula als futuristischer Kampfroboter hervor. Dazu spielt eine bedrohliche, sphärische Hintergrundmelodie untermalt von Roboter Kampfgeräuschen. Robot schaltet nach und nach immer mehr Laser ein, bis schließlich ein gigantischer Kampfroboter vor uns steht. Die Szene ist gespenstisch und bildet den unumstrittenen Höhepunkt der Show. Das Publikum im restlos ausverkauften Rittersaal tobt vor Begeisterung.
Nach dem Ende der Show fahren wir zurück nach Kiel und ich döse auf dem Beifahrersitz ein wenig vor mich hin. Als der Twingo hält und ich die Augen öffne, stehen wir genau vorm Nightfever in Wellingdorf. "Ich dachte, du willst selbst bestimmt auch noch ein bisschen tanzen?", flötet Claudia mit unschuldigem Augenaufschlag. "Ok, gute Idee. Aber die Federboas müssen mit rein." Und so drehen wir noch ein paar letzte Runden auf dem Dancefloor, bevor Claudia mich gegen zwei zuhause absetzt.
Fazit: Das Bahnhofshotel in Schönberg hat bereits eine kleine Historie erfolgreicher Travestieabende aufzuweisen. Die Shows sind oft lange im Voraus ausverkauft. Am 17. Oktober gibt es einen Wiederholungstermin von Täuschungsmanöver. Dann tritt die Gruppe um Paula Jackson erneut in Schönberg auf. Ein Teil der Karten ist schon jetzt verkauft. Mein Tipp: Unbedingt anschauen, es lohnt sich wirklich. Eintritt: 20 EUR. Für T-Girls ist es eine tolle Gelegenheit, sich einmal unauffällig unters Volk zu mischen. Gerade dann, wenn euer Passing noch schlecht ist und ihr in der neuen Rolle noch nicht sicher seid, ist der Besuch einer Travestieshow die perfekte Gelegenheit, euch als Frau in der Öffenlichkeit auszuprobieren. Auf jeden Fall werdet ihr viel Spaß haben. Das garantiere ich euch!
Ballerinas: Aus. Minikleid und Strumpfhose anziehen, waschen, fönen, stylen, zupfen, cremen, tuschen, pudern, tupfen, sprühen, spiegeln, High Heels an und los...!
Dabei hatte der Abend so ruhig angefangen. "Heute bleib ich zuhause. Nein, ich geh nicht weg. Ich muß mich echt mal erholen." Claudia, eine Freundin von mir bringt Pizza mit und wir machen einen gemütlichen DVD Abend vorm PC.
Um kurz nach zehn plötzlich der Flash: Heute ist doch Latina Minirock Party im El Submarino in der Eichhofstraße und Girls im Mini haben die ganze Nacht freien Eintritt. Ich fahre jeden Morgen auf dem Weg zur Dienststelle an der kleinen Latina Bar vorbei, bin aber nie drin gewesen (in der Bar, nicht in der Dienststelle). Genug erholt, ich muß los.
Claudia ist sofort Feuer und Flamme und kommt mit, wenn ich ihr den kleinen schwarzen Mikromini ausleihe. Sie stöckelt zu sich nach Hause um sich zu stylen und holt mich eine knappe Stunde später mit ihrem Twingo zuhause ab.
Das Submarino ist eine kleine, schmale Bar direkt neben dem Kieler Max. Dabei ist sie viel größer, als es von außen den Anschein hat. Ich hatte gehört, dass im Submarino auch T-Girls aus Argentinien und Ecuador sein sollen und hoffe, eine der T-Latinas heute abend dort zu treffen.
Unser Outfit spart uns je 5 EUR Eintritt und voller Erwartung stöckeln wir zur Bar. Um diese Zeit um kurz vor Mitternacht ist es noch ziemlich leer. Nur ein paar Südamerikaner sehen uns finster an. "Schätzchen, wer macht dir denn die Augenbrauen?!"
Innerhalb der nächsten halben Stunde wird es immer unwahrscheinlicher, dass es jemals einen zweiten Abend für mich im Submarino geben wird. Der Weißwein ist absolut Grotte, obwohl die Flasche einen Schraubverschluß hat. Aber es ist die Musik, die mich völlig fertig macht: südamerikanische Popmusik auf Vinyl gescratcht von einem irrsinnigen Latino DJ. Das Highlight des Abends ist schließlich eine 20 köpfige Gruppe von Teenies, die auf der Tanzfläche darauf wartet, dass die Zwischentür zum Max geöffnet wird. Auf diese Art kommen sie elegant an der Max Einlaßkontrolle vorbei und sparen vermutlich noch den Eintritt.
Fünf Minuten später sitzen Claudia und ich schon wieder im Twingo und sind unterwegs zum Ostufer. Obwohl mitten in Kiels bester NoGo Area gelegen, haben wir das Nightfever zu unserer neuen Stammdisco gemacht. Der Laden ist einfach klasse.
Man kennt uns dort und wir werden von Sandra, dem Girl an der Garderobe freundlich begrüßt. Selbst der russische Türsteher knurrt ein bisschen weniger als sonst und hält uns sogar die Tür auf.
Im Nightfever ist heute Single Abend und die Gäste können sich kleine Zettelchen mit Flirtbotschaften schicken. Ich verzichte darauf, mir eines der rosa Herzchen anzustecken und bleibe heute abend lieber Single.
Es ist erst kurz nach Mitternacht und der Abend nimmt schon mächtig Fahrt auf. Der DJ ist so gut drauf, dass er uns immer wieder dazu animiert, die Hände ganz nach oben zu strecken und zu klatschen. Merkwürdig. Sogar die Frauen, die an der Tanzfläche sitzen, wollen, dass wir immer höher klatschen. Ist das irgend ein neuer Tanz?
Bis Claudia mich darauf aufmerksam macht, dass ich die Hände besser nicht über Schulterhöhe heben sollte. Mein Kleid ist eher mittellang und immer wenn ich die Arme hebe, steh ich im Freien.
Ok, Mr. DJ, den kleinen Ausrutscher mit Andreas Martin zwischendurch, den hätte ich dir noch verziehen, aber das hier gibt noch eine kleine Aussprache :-)
Gegen 4 Uhr wird es langsam leerer und wir fahren zurück in die City. Wo gibt es um diese Zeit noch einen letzten Wein?
Wir versuchen es in Harry's Bar in der Holtenauer Straße, doch schon beim Eintreten winkt der Barmann lässig ab:
"Wir schließen gleich."
"Nein, Baby. Nicht ohne dass ich noch ein Glas Wein getrunken habe. Außerdem ist es erst halb fünf."
Es ist schon halb sechs, Zeitumstellung. Aber ok, einen Drink."
Wie ich so an meinem letzten Glas Weißwein nippe, geht die Tür auf und eine Blondine kommt rein: Typ Geschäftsfrau, Ende 40, tolles Kleid, aber schon grenzwertig angesoffen. "Leberkleister!" bölkt sie den netten jungen Barmann an. Er versteht sie nicht gleich und fragt nach, was die Dame trinken möchte. "LEBERKLEISTER!" brüllt sie über den Tresen. "Und glauben Sie ja nicht, dass ich Ihnen auch noch Trinkgeld gebe!" Aber nein, wer könnte das annehmen?! Sie trinkt in schneller Folge drei Jägermeister, zahlt und verschwindet grußlos in die Nacht. Wow, gegen Morgen trifft man in den Bars wirklich die interessantesten Leute.
Irgendwann werden wir bei Harry's rausgeschmissen, weil Feierabend ist. Doch auf der anderen Straßenseite ist noch Licht. Dort ist das Café Non Solo Pane. Die haben heute ihren letzten Tag, denn der Laden macht dicht. Und so stöckeln wir noch kurz rüber ins Non Solo Pane. Leider kommen wir ein bisschen zu spät: die Leute sind alle schon reichlich derangiert, teilweise bis zum Verlust der Muttersprache. (Hier mein Bericht über das Non Solo Pane nach der Wiedereröffnung)
Als ich nach Hause komme, ist es längst hell und mir kommt eine meiner liebsten StudiVZ Gruppen in den Sinn: "Wenn ich morgens angetrunken nach Hause komme, fange ich an zu kochen."
Heute abend muß es lila sein. Lila Stiefel, lila Shirt und sogar ein lila Schal. Ich sehe ein bisschen wie meine alte Kunstlehrerin aus der Untertertia aus. Ich bin unterwegs zur lesbischen Filmnacht im Kieler Cinemaxx. Veranstalterin dieser bundesweiten Filmreihe ist die L-Mag, Deutschlands größtes Lesben Magazin. Es wird jeden Monat ein Film mit lesbischer Thematik gezeigt, der bundesweit in vielen Cinemaxx gespielt wird.
Der Gang vom Parkhaus ins CAP und dort bis zum Cinemaxx ist so unangenehm, wie ich das erwartet hatte. Sollte jemand Vorurteile gegen junge Migranten haben, dann kann er sie hier bestätigen lassen. Ohne die L-Filmnacht setze ich nicht einen Fuß in dieses "Erlebniscenter". Einfach keine gute Gegend.
Schließlich sitze ich in Saal 9 und entdecke unter den anderen Girls auch sofort ein paar bekannte Gesichter. Wir sind nur etwa 40 Frauen und ich komme mir in dem großen Saal mit 300 Sitzplätzen ein wenig verloren vor. Trotzdem ist die Stimmung super. Obwohl mein Passing inzwischen wirklich gut ist, bin ich leicht als T-Girl zu erkennen: Außer mir trägt niemand Frauenkleider.
Der Film Out at the Wedding ist eine leichte Hollywoodkomödie, die im englischen Originalton gezeigt wird. Ich bin richtig erstaunt darüber, dass der Film so unbekannt ist und nie den großen Durchbruch geschafft hat, denn ich finde ihn richtig lustig.
Der Film plätschert anfangs heiter und seicht vor sich hin, bis zum ersten Mal Cathy DeBuono auf der Leinwand erscheint. Wow, welch eine Wahnsinns Frau! Ich bin sofort hingerissen. Cathy ist eine große dunkelhaarige Frau mit breiten Schultern und kräftigen Armen. Anfangs denke ich, sie ist auch trans, aber das ist ein Irrtum. Ihr müsst euch unbedingt den Youtube Clip ansehen. Die zweite Szene, in der Cathy der blonden Jeannie Baseball erklärt, ist für mich unglaublich erotisch und total romantisch.
Fazit: Die L-Filmnacht ist eine tolle Veranstaltungsidee und auch Transgender sollten sich hier wohlfühlen. Die Filmreihe würde allerdings viel besser in das Kommunale Kino in der Pumpe passen, oder in den Filmclub der Hansa48. Dennoch werde ich wieder hingehen, mich aber beim nächsten Mal etwas schlichter anziehen. Springerstiefel statt Peeptoes :-)
Heute abend will ich tanzen! In Kiel Wellingdorf soll es einen neuen Laden geben, das Nightfever. Und obwohl das Kieler Ostufer für mich als T-Girl sonst NoGo Area ist, will ich dort heute abend probetanzen.
Doch vor das Tanzvergnügen haben die Götter zwei russische Türsteher in schwarzen Ledermänteln gesetzt. Sie sehen uns ebenso mißtrauisch an, wie wir sie. Ich bin froh, dass ich Claudia überreden konnte mitzukommen, denn wir sind beide mindestens einen Kopf größer als die Jungs. Das kann aber auch ein bisschen an meinen neuen hohen Stiefeln von Deichmann liegen :-)
Doch mit einem freundlichen "Guten Abend" werden wir zur Garderobe durchgelassen. Hier lerne ich Sandra kennen, die süße Blonde, die Samstags die Garderobe macht. Sie erzählt mir, dass das Nightfever gerade erst neu eröffnet wurde und heute abend ein neues Musikkonzept ausprobiert wird. "Ein Stern der deinen Namen trägt" wird sich abwechseln mit Songs aus den aktuellen Charts. "Hah," denke ich: "endlich Amy Whinehouse statt Andreas Martin, yipppieh! Der Abend kann gut werden."
Als wir endlich drin sind, bin ich erstaunt über die neue Einrichtung. Viele Nischen mit roten Velourssesseln und kleinen runden Tischen. Dazu eine extra lange Bar und am Ende die Tanzfläche mit dem DJ. Das sieht schon mal sehr gut aus, aber hoffentlich kriegen die das mit der Musik auch richtig hin, denn einen weiteren Abend "Hölle, Hölle, Hölle" ertrag ich nicht.
Wir setzen uns an die Bar direkt neben der Tanzfläche. Falls sie Valerie spielen, will ich nicht einen einzigen Takt sitzend verpassen. Das neue Musikkonzept im Nightfever erweist sich als die perfekte Mischung zum tanzen für jung und alt. Der DJ spielt abwechselnd vier bis fünf Songs von Roland Kaiser und seinen Mittätern und danach wieder Songs aus den aktuellen Charts. Die Idee ist ebenso einfach wie genial, denn alle kommen heute abend auf ihre Kosten. Während die Discofoxer selig über den Dancefloor schweben, sitze ich an der Bar und trinke mein alkoholfreies Bier. Weißwein wäre mir zwar lieber, aber Tanzen, Alkohol und HighHeels sind keine glückliche Mischung, wenn man sich nicht total zum Löffel machen will.
Inzwischen hat natürlich der ganze Laden mitbekommen, dass zwei T-Girls anwesend sind. Ich mache mir ein bisschen Sorgen, denn ein großer Teil des Publikums sind junge Russen und ihre Girls, die den Wodka schneller trinken als ich mein Clausthaler. Es gibt aber absolut keinen Ärger an diesem Abend. Wir werden zwar voller Neugier, aber durchaus freundlich beäugt.
Als der DJ mit "I am what I am" die Hymne aller Andersartigen auflegt, sind Claudia und ich nicht mehr zu halten. Wir haben den Dancefloor fast für uns alleine und das Publikum im Nightfever rockt von den Plätzen aus richtig mit. Irgendwie scheint jeder zu begreifen, dass das "unser Song" ist.
Lange nach Mitternacht, als ich meine Füße schon kaum noch spüren kann, brechen Claudia und ich auf und machen uns auf den Weg zurück in die City. Dort geraten wir später noch in eine Junggesellinnen Abschiedsparty, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
Fazit: Das Nightfever ist ein tolles Tanzlokal. Mit dem neuen Musikkonzept füllt es die Lücke zwischen Disco und Tanzpalast. Wenn die Türsteher es weiter so gut schaffen, den Laden von unangenehmen Typen freizuhalten, wird das Nightfever meine neue Stammdisco. Ein Geheimtipp für Transgender in Kiel ist es auf jeden Fall.
Nightfever Kiel Schönbergerstrasse 22 24148 Kiel Wellingdorf Tel.: 0431/6694520 geöffnet Freitag und Samstag ab 20 Uhr
Perfektes Passing an sich ist eine tolle Sache. Jahrelang habe ich alles dafür getan. Es wurde gelasert, gezupft, geschminkt, gestylt und Hormone genommen, um endlich überzeugend weiblich zu wirken.
Nie zuvor hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, dass gutes Passing ganz eigene Probleme mit sich bringen kann. Ich bemerke das zum ersten Mal in Gary's Tanzpalast, als mich ein wirklich sympathischer Typ zum Tanzen auffordert. Erstens kann ich nicht zusammen tanzen und zweitens steh ich nicht auf Männer. Selbst dann nicht, wenn sie wirklich sympathisch sind.
Dieser ist groß, gar nicht hässlich und dazu von charmanter Hartnäckigkeit. Schließlich lasse ich mich erweichen und tanzte einen Song zusammen mit ihm. Er führt beim Tanzen natürlich und mir wird es doppelt unheimlich. Er ist völlig begeistert darüber, endlich eine Frau in passender Größe gefunden zu haben und mir wird klar, er merkt nicht, dass er mit einer Vierjährigen tanzt.
Ich bekomme es ein bisschen mit der Angst zu tun. Was mache ich nur, wenn er es plötzlich doch an meiner Stimme hört? Oder noch schlimmer: Sein Kumpel fragt ihn, ob er jetzt auf Kerle steht. Wie soll ich mich nur verhalten? Sag ich es ihm einfach ungefragt? Nein, auf keinen Fall. Ich bin total verunsichert und verschwinde unmittelbar nach unserem Tanz ein bisschen überstürzt aus dem Laden. So ein Mist. Für alles Mögliche hatte ich mir Pläne zurecht gelegt aber hiermit bin ich überfordert.
Solange die Menschen mich gleich als T-Girl erkannt haben, war alles in Ordnung. Ich spielte automatisch mit offenen Karten und andere konnten sich darauf einstellen. Aber heute abend kam ich mir vor wie eine Mogelpackung und das fühlte sich gar nicht angenehm an. Dazu ist der Typ einfach zu nett gewesen.
Diesmal bin ich auf eure Hilfe angewesen. Wie hätte ich mich verhalten sollen? Klickt einfach auf das blaue Wort Kommentare und schreibt mir eure Meinung dazu. Macht perfektes Passing jeden Transgender automatisch zur Mogelpackung? Sind wir vielleicht sogar moralisch dazu verpflichtet, jeden mit der Nase darauf zu stoßen? Oder ist es wie bei jeder BioFrau auch? Ein Drink und ein Tanz bedeuten nicht, dass wir auch heiraten werden.
Lasst mich nicht hängen und schreibt mir eure Meinung.
"Wotka?", fragt mich Alexander, der junge Russe in den weißen Schuhen. "Njet", antworte ich zum dritten Mal. Alexander ist ein hartnäckiger Typ und gibt so schnell nicht auf, aber schließlich begreift er doch, dass ich keinen Wodka trinken will und verzieht sich mit freundlichem Grinsen an seinen Tisch.
Ich sitze voll aufgestrapst in Gary's Tanzpalast in der Rendsburger Landstraße und hoffe, dass endlich ein Song läuft, zu dem auch ich mich bewegen kann. Bis jetzt sind wir über "Hölle, Hölle, Hölle" und "Ein Stern der deinen Namen trägt" nicht hinausgekommen. Doch der deutsche Schlager und mein Tanzstil passen leider so gar nicht zusammen. Schließlich kommt doch noch Amy Whinehouse mit Valerie und während die ältere Generation fluchtartig den Dancefloor räumt, habe ich die Tanzfläche für mich allein.
Das Gary's ist wirklich ein sehr nettes Tanzlokal, aber es ist keine Disco. Der Tanzpalast ist gemütlich eingerichtet, hat ausnehmend freundliches Personal und betreibt außerdem die schlechteste Website, die ich jemals gesehen habe. Diese ist ein Highlight für sich und unbedingt einen Besuch wert.
An diesem Abend wird es mir im Tanzpalast schnell langweilig, denn schon bald werden nur noch deutsche Schlager gespielt. Während begeisterte Hausfrauen zur Musik von Andreas Martin über die Tanzfläche schweben, lasse ich mir meinen Mantel geben und fahre noch auf einen Wein ins Trafo.
Das es auch anders geht, erfahre ich später im Nightfever am Kieler Ostufer, wo Charts und Schlager abwechselnd gespielt werden. Doch das ist eine Geschichte für einen anderen Tag.
Ich werde immer wieder gefragt, was Passing bedeutete. Was bedeutet das Wort? Heute war ich bei Rossmann und da ist mir etwas ganz Tolles passiert, damit kann ich es gleich an einem Beispiel erklären.
Wie ich so in der Kosmetikabteilung abhänge und schon den tausendsten Wimpernroller ausprobiere, sehe ich plötzlich ein bekanntes Gesicht. Silke, die beste Freudin meiner geschiedenen Frau.
Wir kannten uns einmal sehr gut, denn schließlich waren wir einmal befreundet und Silke ging bei uns ein und aus. Aber jetzt haben wir schon sehr lange nichts mehr miteinander zu tun.
Ich stöckele also mit einem breiten Lächeln auf sie zu und schaue ihr dabei ganz offen und freundlich mitten ins Gesicht. Silke ist total verunsichert und schaut immer wieder weg, bis ich schließlich genau vor ihr stehe.
Plötzlich wird mir klar: "Die erkennt dich gar nicht." "Hallo Silke, so eine Überraschung, ich bins, Sven_ja", flöte ich ihr freundlich entgegen. Da endlich erkennt sie mich. "Nein," antwortet sie auf meine Nachfrage, "ich hab dich wirklich nicht erkannt und immer gedacht, was will die Frau denn von mir, was guckt die mich so an?!"
Nach wenigen Worten verabschieden wir uns und ich gehe glücklich nach Hause.
Offensichtlich merkt doch nicht gleich jeder, dass ich mein eigener ExMann bin. Und genau das nennt man gutes Passing :-)
PS: das Foto hab ich bei Rossmann hinterher mit Selbstauslöser gemacht. Nicht dass ihr denkt, ich hab immer ein Kamerateam dabei :-)
Das ist Nummer Fünf, flüstert Claudia mir leise ins Ohr. Der fünfte Besucher schon, der in Jack Wolfskin und Fjällräven in die Oper kommt. Hab ich eine Unwetterwarnung verpasst? Ich hab mein neues Kleid von C&A an und hoffe, dass nicht noch jemand heute Abend in diesem Fummel für 19,90 € auftaucht. Außer wenn sie dicker wäre als ich, dann ist es in Ordnung.
Wir sind natürlich wie immer eine satte Stunde zu früh im Opernhaus. Schließlich ist vor Beginn der Vorstellung noch vieles zu erledigen. Da müssen Erinnerungsfotos geschossen werden, Leute begrüßt und Kleider belästert werden und der Sekt an der Bar im Foyer trinkt sich schließlich auch nicht von allein. Ein volles Programm also, bis sich endlich der erste Vorhang hebt.
Dann ist es soweit, im Zuschauerraum wird es still und der Vorhang hebt sich. Das Bühnenbild zeigt einen seelenlosen Platz mit großen Betonröhren. Es könnte der Platz unterhalb einer Autobahnbrücke sein und überträgt das Ghetto Thema der West Side Story in die heutige Zeit.
Später zeigt sich, wie ungeheuer verwandelungsfähig diese Bühne ist. Die Seiten können geschwenkt werden und machmal fährt eine ganze Häuserzeile, darunter auch Marias Haus, in den Vordergrund der Bühne. Toll gemacht und dabei nicht so modern, dass man den Bezug zur originalen Westside Story verlieren könnte.
Die erste Szene beginnt gleich mit einem actionreichen Fight der Jets gegen die Sharks und es fällt sofort auf, wie unglaublich gut die Tänzer sind. Später erfahre ich, dass die Aufführung gemeinsam mit der Kieler Ballett Company aufgeführt. Viele der Tänzer stehen zum ersten Mal in einer Sprechrolle auf der Bühne und doch sind sie hervorragend. Die Tanzeinlagen zeigen eine Mischung aus Musical Dance und Ballett, die mich schier umhaut. Hier kommt das ganze Können einer professionellen Ballett Company dem Musical zugute. Wow, ich bin von der ersten Szene an gefesselt.
Und es gibt ein weitere Anleihe des Musicals, die das gesamte Publikum an diesem Abend begeistert. Es ist die Opernsängerin Susan Gouthro, die mich schon in Turandot so begeistert hat. Sie singt die Maria mit solchem Können, dass wir atemlos lauschen. Von ganz leise, zart und zerbrechlich baut sie plötzlich einen solchen Druck auf und singt mit ungeheurer Power alle anderen auf der Bühne mühelos an die Wand. Die Rolle der Maria in einem Musical mit einer Opernsängerin wie Susan Gouthro zu besetzen, heißt mit Atomraketen auf Spatzen zu schießen, aber gerade das begeistert das Publikum heute abend. Und wie schon bei Turandot, erhält die sympathische Kanadierin an diesem Abend den größten Applaus.
Als Tony und Maria ihr Liebeslied "One Hand, one Heart" singen, bin ich in Tränen aufgelöst. So viele alte Erinnerungen werden wach. Aber heute abend habe ich vorgesorgt. Ich habe meinen neuen wasserfesten Wimpernroller von Nivea aufgetragen. Die Tränen laufen mir zwar immer noch hemmungslos die Wangen herunter, aber wenigstens tropft das Maskara mir heute nicht in den Ausschnitt.
West Side Story in Kiel? Am liebsten würde ich es noch einmal sehen.
Es ist Freitag, es ist Wochenende und endlich Frühlingsanfang. Yipppieh! Ich komme vom Dienst, stelle mein kleines Auto zuhause in die Tiefgarage und stöckel so schnell die Deichmänner tragen durch die Fußgängerzone in den Sophienhof.
In der Buchhandlung Weiland, ganz hinten in der Ecke finde ich das kleine, gemütliche Café Impresso. Von einer Freundin habe ich erfahren, dass hier seit kurzem jeden Freitag nachmittag ein richtig guter Pianospieler auftritt. Und tatsächlich höre ich schon in Höhe der Fantasy Romane aus der Ferne sanfte, weiche Klänge.
Da sitzt ein junger, sympathischer Typ im weißem Oberhemd mit Weste an einem Keyboard und spielt traumhaft schöne Melodien. Später erzählt er mir, sein Name ist Thies, er ist 24 Jahre alt und hat alle Songs selbst geschrieben. Wow, ich bin mehr als nur ein bisschen beeindruckt. Auf meine Frage nach einer CD erfahre ich, dass die gerade produziert wird. Anfang April kommt sie auf den Markt und wird auch hier im Café zu kaufen sein. „Die muß ich haben“, denke ich. „Das ist genau meine Musik zum Entspannen.“
Auf die Frage nach der Stilrichtung ist Thies selbst ein bisschen ratlos. Charmant fragt er die nette Service Crew des Cafés um ihre Meinung. „Filmmusik“, sagt die Eine mit der fröhlichen grünen Tunika. „Chillout Musik“, meint eine andere. „Richtig,“ denke ich. „Das ist es, Chill Out Music.“
Bei diesen Klängen wird das Café Impresso zur Chillout Lounge und bietet einen wunderbaren Start in ein entspanntes Wochenende. After Work mal ganz anders.
Für Transgender ist das Café Impresso ein sicherer und angenehmer Ort, hier fühle ich mich wohl. Das gilt ebenso für die ganze Buchhandlung Weiland. Die Menschen, die mit unserem Anblick so ihre Schwierigkeiten haben und von denen ich manchmal dumme Bemerkungen höre, treffe ich nie in Buchhandlungen und auch nicht in der Stadtbücherei. Gibt es da vielleicht doch einen Zusammenhang zwischen Toleranz und Bildung? Wie ist eure Meinung?
Café Impresso Im Sophienhof, Querpassage Mo - Fr 10 - 20 Uhr Live Musik Freitag nachmittags ab circa 16:00 Uhr
"Wann war eigentlich diese Konferenz, auf der alle Bars beschlossen haben, dass After Work Parties erst um kurz vor Mitternacht beginnen dürfen? Und warum immer Donnerstags?"
Dieser Frage will Svenja-and-the-City heute auf den Grund gehen. Als Studienobjekt habe ich mir das Kieler Trafo ausgesucht. Erstens weil ich da zu Fuß hinstöckeln kann und zweitens mag ich im Trafo total gerne tanzen. Ich überlege, was ich anziehen soll und entscheide mich schließlich für ein langes schwarzes Kleid und meine schlichten schwarzen Pumps. Schließlich kann man niemals overdressed sein.
Die After Work heißt im Trafo After Business Party und beginnt jeden Donnerstags um 21:02 Uhr. Zu dieser Zeit, renne ich sonst zuhause schon im Nachthemd durch die Gegend und zähle die Stunden, bis ich um 5:25 Uhr wieder aufstehen muß. Aber heute will ich es wissen und frage Andreas, den Inhaber des Trafo, warum die After Work immer erst so spät startet. Die Party sollte besser schon um 18 Uhr beginnen und dafür um Mitternacht zu Ende sein. Das wäre cool und ich wäre sicher viel häufiger dabei.
"Nein," sagt Andreas, "das funktioniert in Kiel nicht. Die Kieler gehen vor 22 Uhr überhaupt nicht los. Die sitzen eher noch auf dem Sofa und gucken einen Film bevor sie endlich auf die Piste gehen. Hier ist meistens erst ab zehn so richtig was los. In Hamburg gibt es solche echten After Work Parties, die wirklich gleich nach der Arbeit starten. Aber nicht hier in Kiel. Vor zehn ist überall tote Hose." Ich schaue mich um und gebe Andreas Recht. Sind After Work Parties in Wirklichkeit After No Work Parties für Menschen, die Freitags gar nicht arbeiten? Ich weiß die Antwort nicht, aber fast kommt es mir so vor, denn richtig voll wird die Bar erst gegen elf. Sechseinhalb Stunden noch, dann klingelt schon mein Wecker und ich habe erst ein Glas Wein getrunken und nur zwei Lieder getanzt.
Das Tanzen macht im Trafo übrigens richtig Spaß. Die kleine Tanzfläche mit dem DJ-Pult in der Ecke hat genau die richtige Größe und die Musik ist hier niemals zu laut. Als Transgender Girl falle ich den Leuten natürlich auf. Ich bin einen guten Kopf größer als die BioFrauen um mich herum und blicke selbst auf die meisten Männer herab.
Trotzdem kann man als Transgender beruhigt ins Trafo gehen. Das Publikum ist aufgeschlossen, tolerant und überwiegend älter als 30. Man kommt zwar nicht so leicht ins Gespräch, aber dafür wird man auch nicht belästigt.
Ich gehe gegen 1 nach Hause und stöhne beim Gedanken an das frühe Aufstehen morgen früh. Aber heute muß das reichen. Am nächsten Donnerstag aber, da werde ich alle verblüffen wenn ich erst gegen halb elf auftauche und locker bis morgens durchtanze. Ich nehme einfach den Freitag frei. Früh zu Bett zu gehen ist schließlich nur was für Spießer!
Meine Klamotten an diesem Abend waren fast billiger als die Barrechnung. Kleid: C&A 19,90 € Pumps: Charly's 16,90 € Strumpfhose: eBay 2,90 € Erst auf dem Foto zu merken, dass die Strümpfe oben zu sehen sind: unbezahlbar!
Schaut euch bitte den aktuellen Terminkalender für Transsexuelle in Kiel an. Er gehört zu meinem Transgender City Guide Kiel --> Termine.
Ihr findet dort ständig aktuelle Veranstaltungen, von denen ich denke, dass wir als Transgender da gut hingehen können. Auf dem Bild links seht ihr mich im Tiffy Club und den Tipp dazu hab ich auch von meiner Seite bekommen :-)
"Entschuldigen Sie, aber ich wähle zum ersten Mal als Frau. Können Sie bitte ein Foto von mir machen, wie ich den Stimmzettel in die Urne werfe?"
Heute ist Oberbürgermeisterwahl in Kiel und die drei Wahlhelfer im Klassenraum der 3a sehen mich verblüfft an, bevor wir gemeinsam über die ungewöhnliche Situation lachen müssen.
Ich verschwinde in der kleinen Wahlkabine aus Sperrholz und mache in Ruhe mein Kreuz. "Das hat ja prima geklappt," denke ich. "Wieder so ein Stück Alltag und Normalität, dass du dir als Frau ganz neu erobert hast." Für Außenstehende wirkt das völlig belanglos, aber ich bin richtig stolz auf mein neu erworbenes Frauenwahlrecht.
Ich verabschiede mich von den drei netten Wahlhelfern und gehe in Gedanken versunken die paar Schritte zurück nach Hause. Welch ein Glück ich habe, in einem freien Land zu leben und wie problemlos der Wechsel von Sven zu Svenja bis jetzt verlaufen ist. Eine TransFreundin aus dem Iran hat mir berichtet, dass ihr zuhause die Todesstrafe gedroht hätte. Puh, dagegen sind meine eigenen Probleme geradezu ein Witz und kommen mir plötzlich ganz winzig vor.
"So," denke ich. "Das Wahlrecht ist geschafft." Damit wird meine weibliche ToDo Liste immer kleiner. Mir fällt spontan nur noch eine Flugreise ins Ausland ein. Am liebsten in die USA zu meiner Freundin Dian in die Südstaaten. Aber so verrückt bin vielleicht nicht mal ich ...
Hallo Leute, heute war ich richtig fleißig. Zuerst bin ich zur Wahl gegangen und danach hab ich tatsächlich noch zwei neue Seiten für meinen Transgender Führer Kiel gemacht.
Die eine Seite stellt die Transgender Selbsthilfegruppe in Kiel vor und die andere neue Seite befasst sich mit dem Alltagstest der Transsexuellen. Was ist das überhaupt, so ein Alltagstest? Worauf muß ich achten und vor allem: muß ich Angst davor haben?
Heute wird meine Tochter Vanessa 18 Jahre alt und ich kann nicht dabei sein. Ich rufe sie zuhause an und habe Glück: Nessi geht selbst ans Telefon. Ich gratuliere ihr von Herzen und wir sprechen so nett und vertraut miteinander, wie das schon immer war. Mir geht das Herz auf und ich empfinde die tiefe elterliche Liebe und Zuneigung zu meiner Tochter. Natürlich bin ich auch weiterhin für sie der Papa, selbst wenn ich nicht mehr so aussehe. Es macht mich total glücklich, wenn sie mich Papa nennt und ich dabei die Wärme in ihrer Stimme hören kann. Wir sprechen kurz darüber, weshalb es besser ist, wenn ich nicht zu ihrer Geburtstagsfeier komme. Die Familie meiner geschiedenen Frau reagiert schon ziemlich aggressiv ablehnend auf mich und das könnte diesen wunderbaren, wichtigen Tag vergiften.
Irgendwann ist unser Gespräch zu Ende und natürlich breche ich mal wieder in Tränen aus. Langsam nervt mich diese übertriebene, weibliche Emotionalität. Ich kriege mich kaum wieder ein und bin jedesmal aufs Neue erstaunt darüber, wie heiß sich meine Tränen anfühlen.
Jetzt habe ich mich gerade genug im Griff, um mir den Kummer von der Seele zu schreiben. Merkwürdig, aber das hilft ein bisschen. Hoffentlich schreibe ich nicht so emotional, dass ich es morgen bereue und alles wieder lösche, wie ich es schon so oft getan habe. Andererseits möchte ich mich aber auch immer an diesen 14. März 2009 erinnern können.
An manchen Tagen raubt mir die Traurigkeit um den Verlust meiner Familie jede Freude und jeden Lebensmut. Immer wieder muß ich daran denken, was ich verloren habe. Fünf Kinder, eine Ehefrau und absolut alle gemeinsamen Freunde. Dabei hat meine Transsexualität an der Trennung keine Schuld gehabt, darüber sind Tina und ich uns einig geworden. Meinen Weg von Sven zu Svenja habe ich schließlich erst begonnen, nachdem ich schon alleine in Kiel gewohnt habe.
Jedenfalls feiert meine Familie heute ohne mich und es bricht mir fast das Herz. Doch selbst wenn ich dabei sein könnte: ich gehöre nicht mehr dazu und dieses Gefühl tut am meisten weh.
Heute abend gehe ich ins Trafo, dem derzeit angesagtesten Club der Stadt. Die edle Bar mit der coolen Clubatmosphäre hätte gut in eine Folge von Sex-and-the-City gepasst, doch heute reicht es lediglich für eine Episode von Svenja-and-the-City.
Ich habe Glück und ergattere den besten Platz an der Bar direkt vor der Bühne. Andreas Werner, Inhaber und Chefbarmixer der Trafo Bar begrüßt mich freundlich. Seine Idee war es auch, den Dienstag mit einer dreimonatigen Konzertreihe "Trafo unplugged" aufzuwerten.
Den Anfang machen heute Joy Smith and Friends. Friends, das ist an diesem Abend Kaya, die ich bis jetzt nur als Moderatorin der Morning Show auf Delta Radio kenne. Sie hat eine hammer rauchige und total erotische Stimme und ist der einzige Grund, weshalb ich jemals Delta Radio gehört habe.
Als die Band ihren ersten Soundcheck macht und die 18 jährige Joy Smith ein paar Zeilen ins Mikrofon singt, gibt es einen echten Wow-Effekt. Welch eine tolle, kraftvolle Stimme. Die ersten beiden Songs bringen Joy und Marc Smith alleine und das Publikum ist schnell begeistert von dem leidenschaftlichen Musiker und der kleinen Joy aus Neumünster. Als Kaya eintrifft, wird sie sofort auf die Bühne geholt und gemeinsam singen die Beiden mit "Warwick Avenue" einen meiner absoluten Lieblingssongs. Die Beiden sind wirklich klasse.
Wegen meiner Transsexualität gibt es an diesem Abend keine Probleme. Das Publikum im Trafo ist eher ein wenig upper class ohne den sonst üblichen Anteil von Bildungsfernen. Hier kann man auch als Transgender in Ruhe hingehen, ohne belästigt zu werden. Ich muß das Trafo unbedingt in meinen Kiel Führer mit aufnehmen.
Inzwischen geht das Konzert weiter und Kaya gibt eine sagenhafte Interpretation eines Alicia Keys Songs. Die Stimmung ist wirklich gut im Trafo an diesem ersten Konzertabend live and unplugged. Es könnte ruhig noch ein wenig voller sein, auch wenn die Bar ganz gut besucht ist. Schließlich singen Joy und Kaya mit "Let it Rain" von Amanda Marshall für mich den Song des Abends. Nach einer Zugabe geht das Konzert mit reichlich Applaus zu Ende. Als Joy dem Publikum beichtet, dass sie keine weitere Zugabe geben kann, weil ihr Zug gleich fährt, müssen alle zusammen lachen mit der kleinen sympatischen Sängerin aus Neumünster. In den nächsten Wochen ist Joy noch ein paarmal im Trafo zu hören. Der Eintritt für den gelungenen Abend kostet nur 8 € und lohnt sich auf jeden Fall.
Auf dem Weg nach Hause gehe ich noch auf einen letzten Wein in die Chaplin's Bar, bevor ich endgültig nach Hause stöckele. Ein netter Abend und ein neuer Ausgeh Tipp für T-Girls in Kiel.
Ich hatte euch die Frage gestellt, wie euer Bezug zum Thema Transgender ist. Ihr hattet eine Woche lang Zeit, eure Stimme abzugeben. Das Ergebnis hat mich überrascht:
Zwei Drittel meiner Leser sind selbst Transgender. 17 % kennen jemanden, der Transgender ist. 15% lesen den Blog, ohne irgendeinen persönlichen Bezug zum Thema Transgender zu haben.
Für mich ist es überraschend, dass nur 15% der Leser keinen Bezug zum Thema Transsexualität haben. Ich hatte mit einem wesentlich höheren Anteil unbeteiligter Leser gerechnet.
Leider wurden bei dieser Abstimmung nur 39 Stimmen abgegeben, das ist wirklich mager angesichts der hohen Zugriffszahlen täglich auf den Blog.
Bitte gebt mir doch eure Anregungen für weitere Umfragen. Mir fällt momentan nichts dazu ein und solange nehme ich das Abstimmungsmodul wieder raus.
Ich muß mich beeilen. Jeden Moment kommen meine beiden Claudias, um mich zum Transgender Stammtisch abzuholen und ich stehe noch in BH und Strumpfhosen ohne einen Schimmer, was ich anziehen soll. Schließlich entscheide ich mich für die Longbluse von S.Oliver. Mit etwas Fantasie kann ich sie auch als Minikleid tragen.
Eine halbe Stunde später sind wir zu Fuß unterwegs in Richtung Selbsthilfegruppe. Wir treffen uns am 1. Samstag jedes Monats im Club 68 in der Kieler Ringstraße. Viele kennen die Kneipe noch aus den Werner Büchern und tatsächlich ist Holgi auch heute noch der Inhaber der "Wernerkneipe". Ich liebe diesen Laden. Er ist urgemütlich, viele nette Leute, reichlich Getränke und gutes Essen.
Von meiner Wohnung aus gehen wir zu dritt in Richtung Ringstraße. Ich trag Ballerinas und verschwinde erst kurz vorm Club in einer Toreinfahrt, um mir meine neuen ESPRIT Stiefel anzuziehen. Die letzten Meter stöckel ich um 9 cm größer zum Club.
Nach und nach treffen die anderen Girls ein. Moment, nein: Christian ist ja jetzt ein Boy und hat ganz andere Probleme. Wir T-Girls sind stolz auf jeden Zentimeter Brustwachstum und Christian überlegt, wie er seine Brüste am besten wegbinden kann. Während wir uns den Bartschatten weglasern lassen, freut Christian sich auf sein erstes Testosteron, damit endlich der Bart wächst und vielleicht sogar echte Kotletten. Diese Ironie der Natur lässt mich jedes Mal innerlich schmunzeln.
Schließlich sind wir 14 Leute im bunten Mix aus MzF und FzM Transgendern und natürlich Anja, einer BioFrau. Anja ist die Ehefrau von Sandra und begleitet sie/ihn zu jedem Transgender Treffen. Wow, ich find das klasse, wie die beiden das zusammen leben und beneide Sandra ein wenig. Allerdings war ich früher selbst mit meiner Partnerin bei den Transgender Treffen in der HaKi. Aber das ist lange her.
Wir sind alle völlig verschieden und haben wenig gemeinsam außer dem Gefühl, im falschen Körper geboren zu sein. Und genau deshalb sind diese Treffen so wichtig. Niemand erwartet hier die ganz großen, das Leben verändernden Ratschläge, nein, es ist einfach schön in der Gesellschaft von Menschen zu sein, denen man nichts erklären muß. Die einfach wissen, wie es ist, trans zu sein. Menschen, die einen nicht hinterfragen, für schwul oder pervers halten und die auch liebevoll darüber hinwegsehen, wenn der Bartschatten auf kantigem Kinn langsam durch das MakeUp wächst, wenn die Schultern zu breit und die Hände zu groß sind.
Bei diesen Treffen hole ich mir ein wenig von der Kraft, die ich brauche, um meinen Alltag zu meistern. Ich gehe als Frau zum Dienst, ich mache meine Einkäufe, bewältige den Alltag und lebe mein Leben als Frau, so gut es eben geht. Dabei trage ich einen unsichtbaren Schutzpanzer, der mich abschirmt gegen abschätzige Blicke und dumme Bemerkungen. Aber einmal jeden Monat muß ich meine Schutzschilde neu aufladen. Dann treffe ich mich mit anderen Transgendern im Club68 und hole mir einen Teil der Kraft zurück, die ich jeden Tag brauche.
Du bist auch Transsexuell? Dann komm doch bitte zum nächsten Treffen am 7. März. Wir brauchen dich.
"Na, toll", denke ich, "morgen kann ich mein graues Strickkleid schon wieder waschen und das Biest wird nach jeder Wäsche größer und größer. (H&M, 19,90 €)". Mir brennen die Augen und ich kriege kaum noch Luft.
Es sind diesmal aber nicht die Raucher, die meiner Waschmaschine und mir das Leben schwer machen, sondern der antike Kanonenofen der Alten Meierei in Kiel. Er qualmt und rußt, dass es eine Freude ist. Erst als Claudia dem alten Bollerofen gut zuredet, steigen unsere Überlebenschancen allmählich wieder an. In dem kleinen Gastraum wird es langsam wärmer.
Von außen sieht die Alte Meierei ein bisschen gruselig aus. Umso überraschter bin ich, wie gemütlich der kleine Raum um den Tresen ist. Auf wenigen Quadratmetern stehen hier Sofas und Stühle, ein Kickertisch und ein kleiner Tresen aus Holz.
Eine Handvoll junger Frauen veranstaltet hier an jedem 1. Donnerstag des Monats ein Treffen für Frauen Lesben und Transgender, kurz das FLT, FrauenLesbenTrans-Café.
Die Stimmung ist total freundlich und lustig. Die meisten Frauen kennen sich schon. Ich setze mich auf einen der wackeligen Barhocker am Tresen und stelle sofort meine Standardfrage:
"Habt ihr Weißwein?"
"Na klar haben wir Wein, nur keine Gläser. Irgendwer hat hier aufgeräumt und jetzt können wir sie nicht mehr finden," erwidert Luca bereits leicht verzweifelt.
Nachdem ich mich gerade damit abgefunden habe, meinen Wein heute abend aus der Flasche zu trinken, zaubert sie schließlich doch noch zwei Gläser herbei.
Das FLT ist heute ein Vorleseabend mit Büchertausch und Luca setzt sich als erste auf das kleine rote Sofa und beginnt vorzulesen. Sie liest eine lustige Glosse aus dem Buch "Die Eier des Staatsoberhaupts" von Luise Pusch. Nur zweimal wird sie dabei von einem Anrufer auf ihrem Handy gestört, den sie aber nach kurzem Gespräch abwimmeln kann. Das Publikum ist geduldig und ich bestelle noch ein Glas Wein.
Als nächste setzt sich Claudia aufs rote Sofa. Sie hat ein Buch aus der BRIGITTE mitgebracht, was nicht gleich auf Anhieb für helle Begeisterung sorgt. In mir keimt der Verdacht, dass nicht alle Frauen an diesem Abend regelmäßige BRIGITTE Leserinnen sind. Claudias Geschichte stellt sich als eine lustige Glosse um das Erwachsen werden heraus. Einige Anspielungen auf Spießertum, Reihenhäuser und Drogen heben die Stimmung und sorgen für reichlich Lacher.
Anschließend liest Silf eine wunderbare Geschichte vor mit dem Titel "Steinerne Tränen". Als ich sie frage, von wem das Buch ist, antwortet sie ein bisschen verschämt, "Das habe ich selber geschrieben." Ich bin sehr beeindruckt und hoffe, später einmal mehr von Silf und ihrem schwarzen Hund Cara Mia zu hören.
Nach einem anrührenden Gedicht der ghanesischen Autorin May Ayim geht der Leseabend zu ende. Ich unterhalte mich noch ein wenig mit den anderen Frauen, trinke ein letztes Glas Wein und breche danach auf.
Fazit: Das Frauen-Lesben-Trans-Café in der alten Meierei ist schon eine ganz besondere Veranstaltung und manchmal ziemlich schräg. Nicht jede Frau, nicht jede Lesbe und nicht jedes T-Girl wird sich dort auf Anhieb wohl fühlen. Wer aber ein bisschen offen und neugierig ist, kann dort einen wirklich interessanten und netten Abend verbringen.
Die erste Umfrage ist beendet und das Ergebnis freut mich sehr. Anscheinend ist die Mehrheit mit dem Themenmix aus transsexuellen und aus Kieler Themen einverstanden. Etwa Drittel wünscht sich aber noch mehr Transgenderthemen. Vielleicht lässt sich die Zahl der abgegebenen Stimmen noch steigern, denn es hat leider noch nicht einmal jeder 10.Besucher an der Umfrage teilgenommen.
Künftig wird die Abstimmung auch nur noch eine Woche lang dauern und nicht mehr 14 Tage. Vorausgesetzt natürlich, mir fallen genügend interessante Themen ein :-) Über eure Vorschläge für künftige Umfragen würde ich mich sehr freuen.
"Das Frau sein - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2009. Dies sind die Abenteuer der transsexuellen Svenja, die mit ihren 130 Paar Schuhen seit drei Jahren unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Gewohnheiten. Viele Lichtjahre von dem alten Leben entfernt, dringt Svenja in Welten vor, die nie ein Mann zuvor gesehen hat." (stellt euch dazu bitte die Titelmusik von Raumschiff Enterprise vor)
43 Jahre lang habe ich als Mann gelebt. Mit Ehefrau, Kindern und einem Haus, mit Familienkutsche, Hund und Goldfisch, mit Urlaub in Dänemark, Elternabenden und allem, das zu einem deutschen Familienleben dazugehört.
Der Bruch kam, als meine Ehefrau - damals natürlich die Beste von allen - mich über Nacht abschaffte. Nur wenige Wochen darauf begann ich mein neues Leben als Frau. Drei Jahre ist das erst her und noch immer kommt mir jeder neue Tag so unglaublich anders, fremdartig und abenteuerlich vor.
Zu Beginn meiner Entwicklung ging es um Klamotten, Schuhe und MakeUp. Dann um die Namensänderung, um Hormone und um das erste Passing. Ich hab mir dabei nie Gedanken darüber gemacht, was es noch alles bedeuten wird, tatsächlich als Frau zu leben. Nicht mehr als Mann in Frauenkleidern, sondern wirklich als eine ganz normale Durchschnittsfrau, die von Unbekannten nicht mehr als TransGirl wahrgenommen wird.
Nahezu jeden Tag stolpere ich über etwas völlig Neues und Unbekanntes. Meistens sind es kleine Begebenheiten, die mir bewußt machen, dass ich kein Mann mehr bin.
Beispiel: Technik. Früher war der Media Markt mein Tempel. Wie die meisten Jungs bin auch ich gerne durch die Gänge geschlichen, ständig auf der Suche nach dem neuesten technischen Gimmick. Nach der megapixeligsten Digitalkamera, der schnellsten Grafikkarte, dem größten Flachbildschirm und dem kleinsten Handy. Irgend etwas Überflüssiges, wofür ich an der Kasse die Familien EC-Karte einmal mehr durchziehen lassen konnte. Was sind schon Winterstiefel für die Kinder gegen eine neue Festplatte für Papas PC? War nur ich so, oder erkennen sich auch Andere darin wieder?
Heute, nur drei Jahre später, gebe ich mein Geld nur noch für wirklich sinnvolle Dinge aus. Ich trage es zu Deichmann, Douglas und Esprit und natürlich zu H&M :-)
Markennamen wie Sony, Nikon und Nokia wurden abgelöst durch Nivea, Buffalo und L'Oreal. Anstatt der "auto motor und sport", lese ich Glamour und Brigitte (die Bravo-Girl traue ich mich nicht zuzugeben :-)
Eine der größten Überraschungen jeden Morgen aber ist die Sache mit dem Busen. Für die Hälfte aller Menschen ist das nichts Besonderes, aber für mich ist es jeden Morgen aufs Neue ein Wunder. Welch ein merkwürdiges und wunderbares Gefühl, plötzlich ein, nein sogar zwei neue Körperteile zu haben. Sie sind noch so neu, dass ich sie über Nacht immer wieder vergesse. Und dann am Morgen: "Nanu, ihr Beiden, wo kommt ihr denn her?!"
Sie fühlen sich ganz weich an, dabei sind sie total prall. Und wenn man draufdrückt, tut es weh. Kein Wunder, die Biester sind ja noch im Wachstum und ich hoffe, sie werden richtig groß, denn operieren lassen würde ich sie nicht. Wozu auch? Das Foto habe ich einmal ohne BH gemacht.
Auch meine Wohnung habe ich total verändert. Wo früher das Foto meines Pickups hing, da lächelt heute Holly Golightly freundlich auf mich herab und ich lache fröhlich mit. Den alten Stollenreifen meiner KTM hab ich endlich weggeschmissen. Den Platz brauch ich heute für Wichtigeres. Da stehen jetzt Schuhe!
Wow, es ist wirklich aufregend, eine Frau zu werden!
Nach der Meinung enger Freunde könnte mein Dekollete ohne den dichten schwarzen Haarpelz sogar noch ein wenig femininer wirken. Ein kurzer Blick in den Spiegel zeigt mir, dass sie recht haben.
Inzwischen bin ich dreimal zur Laserepilation bei Ruby gewesen. Ruby ist der amerikanische Rubinlaser bei Frau Dr. Rohde in Kiel.
Das Foto habe ich eine Stunde nach der letzten Behandlung aufgenommen. Wow, das sieht wirksam aus, oder?! Aber lasst euch von dem wüsten Foto bloß nicht einschüchtern. In Wahrheit ist das Lasern im Brustbereich fast schmerzlos. Höchstens ein leichtes Ziepen ist zu spüren. Das ist überhaupt kein Vergleich zu dem fiesen Zwiebeln beim Lasern der Oberlippe.
Nach der dritten Sitzung bei Ruby ist mein Dekollete jetzt fast haarlos. Ich vermute, dass ich vor der Strandsaison noch einmal hingehen muß, aber dann bin ich hoffentlich durch. Es wird nachberichtet.
Ach ja: Vergesst bitte nicht, an meiner kleinen Umfrage oben rechts teilzunehmen. Ich freu mich wirklich über jede Stimme.
Zwanzig Monate ist es her, seit ich in der Krankenabteilung meiner Dienststelle im Polizeizentrum Eichhof meine ersten Hormone bekommen habe. Es sind drei Packungen Estreva Gel in einer kleinen Tragetasche aus Papier. Jemand hat mit Filzstift dick "Svenja" draufgeschrieben. Schon das allein macht mich total happy.
Ich habe mich immer gefragt, ob so ein winziger Klecks farbloses Gel überhaupt irgendeine Wirkung auf einen erwachsenen Menschen haben kann. Was soll sich da schon noch groß verändern?
Auf beiden Fotos trage ich übrigens dieselbe Kette, ESPRIT - Kreuz in Kreuz
Das linke Foto ist vom Sommer 2004, ein Jahr vor meinem Coming Out. Das rechte Foto habe ich letzte Woche nach 20 Monaten Hormonbehandlung aufgenommen. Es zeigt nicht nur die Wirkung der weiblichen Hormone auf den männlichen Körper, sondern auch den Effekt zahlreicher Laser Epilationen und endloser Selbstversuche mit Haaren, MakeUp, Deichmann und H&M. Wobei Stil und Blamage oft nur durch eine haarfeine Linie getrennt waren :-)
Leider sind mir die knotigen Hände und meine etwas zu große Nase erhalten geblieben. Ich muß mich wohl damit abfinden, niemals so sexy auszusehen wie Lory Glory, bzw. Lorielle London.
Seit ich Turandot im Jahr 2000 als Lasershow in Sydneys Darling Harbor gesehen habe, lässt mich Puccinis Chinesische Oper nicht mehr los. Nessun Dorma ist für mich die schönste aller Arien und das nicht erst seit es von diesem britischen Handyverkäufer Paul Potts auf RTL2 gerufen wird.
Oper bedeutet für mich auch immer, sich schön anzuziehen. Das ist sogar ein wesentlicher Teil der Vorfreude. Welche Frisur, wie schminke ich mich, was ziehe ich an? Das kleine Schwarze? Dazu vielleicht eine flippige Strumpfhose und meine schlichten schwarze Pumps? Fertig ist das Opernoutfit.
Das kleine Stück von meiner Wohnung zum Opernhaus stöckele ich mühelos sogar auf meinen 7cm Absätzen.
Als ich im Foyer das übrige Publikum betrachte, bin ich wie immer erstaunt darüber, wie einige in ihren Gartenklamotten ins Theater rennen. Besonders die Männer scheinen teilweise direkt aus dem Hobbykeller zu kommen. Zerbeulte alte Jeans, ein oller Strickpullover und bequeme Treter, fertig ist das Outfit für den Operabend. Wow, wie kann man sich nur selbst so geringschätzen.
Claudia und ich sind jedenfalls erleichtert: An diesem Abend sind wir beide nicht die hässlichsten Elsen im Theater. Es ist schon beinahe skurril: die am sorgfältigsten angezogenen Frauen sind ausgerechnet wir zwei T-Girls. Schräg, oder?!
Über Turandot weiß ich nur, dass es Puccinis letzte Oper ist. Sie handelt von der grausamen chinesischen Prinzessin Turandot, die jedem Freier drei Rätsel aufgibt. Findet er die Lösung, gewinnt er die Prinzessin, versagt er, wird er hingerichtet. Als Puccini 1924 stirbt, hatte er gerade erst den dritten Akt fertig komponiert. Am Ende des 3. Aktes stirbt die liebliche Sklavin Liu, die das genaue Gegenteil der grausamen Turandot ist. Zur Vollendung der Oper wurden verschiedene Schlußvarianten nachher komponiert. Am Kieler Operhaus erwartet uns heute abend der moderne Berio Schluß, wie er 2002 zuerst in Las Palmas uraufgeführt wurde.
Ich bin wie immer rechtzeitig da, gehe aber erst nach dem dritten Klingeln zu meinem Platz, denn gegen Ende der Vorstellung zahlt sich jede Minute weniger sitzen aus. Und außerdem ist es einfach unbezahlbar, wenn alle noch einmal aufstehen müssen, damit ich unter blumenreichen Entschuldigungen endlich auf meinen Platz stöckeln kann. :-)
Claudia hat für uns schon vor Monaten zwei wirklich erstklassige Karten ergattert. Wir sitzen nur drei Plätze hinter dem Dirigenten und wenn ich mich ein wenig recke, könnte ich glatt seinen Taktstock berühren, worauf ich an diesem Abend jedoch lieber verzichte.
Zu Beginn der Vorstellung wird uns in einer kurzen Ansprache eröffnet, dass leider beide Hauptdarsteller mit der Grippewelle fortgespült wurden und nicht auftreten können. Die erkrankte Prinzessin Turandot, bzw. Kelly Cae Hogan wird deshalb ersetzt durch Giovanna Casolla aus Neapel.
Emmanuel di Villarosa als Prinz Calaf ist jedoch wesentlich schwerer zu ersetzen: Auf der ganzen Welt gibt es derzeit nur drei Sänger, die den neuen Berio-Schluß beherrschen. Als Ersatz konnte das Kieler Opernhaus kurzfristig den Hawaiianer Keith Ikaia-Purdy gewinnen, der aber den Berio Schluß nicht singen kann. Die heutige Vorstellung wird deshalb verkürzt und endet bereits mit dem dritten Akt an der Stelle, an der sie durch Puccinis Tod für immer unvollendet blieb.
Ich bin voll gespannter Vorfreude und genieße die tolle Atmosphäre im Kieler Opernhaus. Dann endlich hebt sich der erste Vorhang des Abends und ich bin überrascht. Bühnenbild und Kostüme entsprechen so gar nicht meinen Erwartungen. Nun bin ich keine erfahrene Operngängerin und deshalb hat mein Urteil nur wenig Aussagekraft, aber Einiges stört mich so sehr, dass ich Mühe habe, der Aufführung zu folgen.
Turandot spielt irgendwann im kaiserlichen China. In einer fernen Vergangenheit also, als Prinzessinnen ihre Freier bei Bedarf noch hinrichten lassen konnten, ohne dadurch gleich den Unmut der Tagespresse zu erregen. Der Kaiser von China, edle Prinzen und grausame Prinzessinen, ich rechne also mit einem opulenten Bühnenbild, mit prächtigen Kostümen und allerlei geheimnisvollen chinesischen Requisiten.
Stattdessen sehe ich eine nahezu besenreine Bühne und chinesische Minister in Trenchcoats und gelben Pilotenbrillen aus den 70er Jahren. Der alte König Timur ist zurechtgemacht wie der Dalai Lama und trägt zudem ein buddhistisches Mönchsgewand. Die Häscher des Kaisers hingegen tragen schwarze Uniformen mit Fliegerabzeichen, die eindeutig an SS-Uniformen erinnern, während andere Schergen in alte VoPo Uniformen aus DDR Zeiten gesteckt wurden. Und weshalb der Kaiser von China in seinem weißen Leinenanzug mit weißen Slippern eine Persiflage von Marlon Brandos Paten geben muss, bleibt völlig rätselhaft. Wer denkt sich so etwas bloß aus? (Bitte melde dich, damit wir uns gegenseitig ein bisschen beschimpfen können) Aber nicht nur Claudia und ich sind leicht irritiert, auch das übrige Publikum schüttelt reihenweise die Köpfe.
Als dann die Minister des Kaisers plötzlich pinkfarbene Polaroid-Kameras zücken und damit Fotos von Prinz Calaf und König Timur machen, da fühle ich mich regelrecht veralbert.
Der absolute Tiefpunkt der Aufführung ist erreicht, als Ping, Pang und Pong mit einem Kofferradio und Plastikkühlboxen auf die Bühne kommen und anfangen, Dosenbier aus der Kühlbox zu trinken. Nun wird es regelrecht ärgerlich. Zu allem Überfluss ziehen sie noch Schuhe und Strümpfe aus und streifen sich Badelatschen von Adidas über, nicht ohne sich zuvor hingebungsvoll an den Füßen zu pulen. Sicher ist diese Szene mit dafür verantwortlich, dass nach der Pause manche Plätze leer bleiben. Die Leute sind nach Hause gegangen.
Durch die provokante Art der Inszenierung habe ich Mühe, dem Gesang zu folgen. Ich habe dauernd das Gefühl, ins Auge gepiekt zu werden und kann deshalb nicht konzentriert zuhören. Ganz ehrlich: Hätte ich mich nicht schon seit Monaten auf diesen Abend gefreut, wäre auch mein Platz nach der Pause leer geblieben.
Trotzdem darf nicht der Eindruck entstehen, dass alles an diesem Abend schlecht ist. Immer dann, wenn der moderne Quatsch im Hintergrund bleibt und stattdessen die Musik in den Vordergrund tritt, dann plötzlich funktioniert Turandot und Puccinis wunderbare Musik begeistert mich.
Ganz besonders Susan Gauthro in der Rolle der liebenden Sklavin Liu verzaubert das Publikum und rührt mich zu Tränen. Die junge Kanadierin singt so weich und gefühlvoll , dass sie als Einzige an diesem Abend mein Herz berührt. Sie zeigt für Viele die beste Leistung des Abends und wird mit dem stärksten Applaus und vereinzelten Bravo-Rufe für ihre Leistung belohnt. (Nicht alle Bravos waren von mir :-)
Beeindruckt bin ich auch von König Timur, gesungen von Kammersänger Hans Georg Ahrens. Seine Stimme ist fast schon zu kräftig und ausdrucksstark für die Rolle des greisen und entmachteten Königs Timur. Claudia und ich sind von seinem Spiel und seinem Gesang regelrecht begeistert.
Die beiden Hauptfiguren, Prinzessin Turandot und Prinz Calaf sind sicher auch toll gesungen, aber wirklich berühren können mich beide an diesem Abend nicht.
Wer einmal eine wirklich große Turandot Inszenierung sehen möchte, der schaue sich diesen Ausschnitt der berühmten Aufführung aus der verbotenen Stadt in Peking an. Dort wurde 1998 nach 5-jähriger Vorbereitungszeit Turandot am Originalschauplatz des Kaiserpalastes open air aufgeführt vor 32.000 Zuschauern. Die Turandot wird an jenem Abend in der verbotenen Stadt übrigens von "unserer" Giovanna Casolla gesungen, die ich heute abend in Kiel gehört habe.
Für mich bleibt ein zwiespältiger Einruck der Kieler Turandot Aufführung zurück. Hat es mir gefallen? Nein, gefallen hat es mir nicht. Der Versuch, die Handlung teilweise in die Neuzeit zu transponieren ist gescheitert und bestenfalls Kunst im Sinne von Kunsthonig.
Jedes Jahr zu Weihnachten überfällt mich diese schreckliche tiefe Traurigkeit.
Es ist ein unüberwindbares Dilemma: je besser es mir gelingt, selbst eine Frau zu sein, je weiblicher ich werde, je mehr die Brüste wachsen, die Haare länger werden, tolles MakeUp, schicke Klamotten, je mehr ich mich meinem eigenen Wunschgeschlecht annähere, desto weiter entferne ich mich von meinem Wunschpartner, einer hübschen Frau.
Der Gedanke, vielleicht nie wieder eine attraktive und intelligente Frau an meiner Seite zu haben, macht mich einfach kirre. Nie wieder "Mäuschen, ich liebe dich", keine kuscheligen Abende mit Massageöl, Rotwein und stundenlangem Küssen auf dem Sofa. Die Wolldecke, Knabbereien, vielleicht ein guter Film. Spät ins Bett, gemeinsam frühstücken, Urlaubspläne machen, über Bekannte ablästern, Wochenende, Einkaufsstress, Geburtstage, Streit, Versöhnung, sich lieb haben, den anderen vermissen. Das alles fehlt mir unendlich.
Ich habe als Transgender fast alles erreicht, das ich mir je gewünscht habe, aber dafür habe ich auch alles verloren, das mir je etwas bedeutet hat.
Auf keinen Fall gehe ich in Fjällräven ins Theater. Punkt! Dabei könnte es heute abend richtig kalt werden. Das Kieler Theater spielt diesmal an einem historischen Außenspielort in der alten Maschinenhalle auf dem Gelände des Kieler Marinestützpunkts in der Arkonastraße. Es gibt das Stück Neunzehnachtzehn um den Kieler Matrosenaufstand und die Revolution von 1918.
Leider können mir die netten Damen an der Theaterkasse auch nicht sagen, wie kalt es in der alten Maschinenhalle sein wird. Ich erfahre nur, dass es keine Pause gibt, nichts zu trinken und das Toiletten diesmal ungewiss sind.
Draußen sind nur noch 2° C. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst und trage gleich zwei blickdichte Strumpfhosen übereinander. Darüber meinen neuen Mikromini aus Schurwolle und die hohen Stiefel und Stulpen. In diesem Outfit sollte ich warm bleiben, ohne gleich auszusehen wie eine Öko-Tussy auf Kortison.
Zur Sicherheit stecke ich noch einen winzigen Damenflachmann mit kanadischem Whisky ein. Man weiß ja nie und sicher ist sicher.
Als wir in der Arkonastraße ankommen, werden wir durch das kleine Tor in ein altes Kasernengebäude verbracht und verteilen uns aus Platzmangel in die alten Marinestuben. In Hut und Mantel stehen wir dicht gedrängt in den kleinen Stuben und sind ein bisschen verunsichert. Plötzlich von draußen der Ton einer Sirene.
„Alles raustreten“, brüllt eine militärische Stimme ins Gebäude. Ich fühle mich an meine Zeit in Eutin, Hubertushöhe erinnert und stöckele hinaus zum Antreteplatz.
Dicht gedrängt stehen wir im Halbdunkel des Torbogens, als aus der Dunkelheit ein Trupp Marinesoldaten im Gleichschritt heran maschiert und direkt vor uns stehenbleibt. Es wird laut, es wird gebrüllt, von Revolution ist die Rede. Plötzlich sind wir, das Publikum ein Teil des Schauspiels. Die Soldaten treiben uns auseinander und wir werden aufgefordert, über den Hof zu folgen. Mir ist richtig ein wenig unheimlich zumute. Was geschieht hier?
Von den Soldaten werden wir zu einer alten verlassenen Maschinenhalle getrieben. Wie die Lämmer wollen alle durch denselben Eingang ins Gebäude, als ich von einem Offizier barsch angefahren werde, den anderen Eingang zu benutzen. Ich bin wirklich mitten drin im Geschehen.
Durch halbdunkle Kellergewölbe werden wir von Soldaten zu den verschiedenen Spielorten geleitet. Überall geschieht etwas, die Spannung ist kaum auszuhalten. In einem Raum demonstriert ein Soldat das Töten mit dem Bajonett. Während im Hintergrund ein alter Ausbildungsfilm läuft, sticht der junge Marinesoldat immer wieder mit tödlicher Präzision auf eine lebensgroße Strohpuppe ein.
In einem anderen Zimmer sitzt eine junge Frau und verliest Rezepte für Steckrüben und Getreidekaffee.
Immer wieder hetzen wir durch dunkle Gänge und über Treppen aus Metall. Die Akustik ist laut, hart und eindringlich. Keinen Augenblick lang kann ich mich der Handlung entziehen.
In einem niedrigen Kellerraum sehe ich an diesem Abend zum ersten Mal Matthias Unruh wieder. Er spielt einen jungen Marinekadetten, der von seinem Offizier fast zu Tode geschunden wird. Schließlich verweigert er den Befehl und wird dafür auf der Stelle zum Tode verurteilt. Die Stimmung ist bedrückend.
„Platz da!“, fährt mich der Offizier an und bahnt sich energisch seinen Weg durch die Zuschauer hindurch. „Alles folgen!“, lautet gleich darauf sein nächster Befehl. In einer Kammer sind wir Zeugen einer Besprechung der Marineführung mit Vertretern der SPD. Der Name Gustav Noske fällt.
„Kiel ist ein Pulverfass“, brüllt in einer anderen Halle Vizeadmiral Kraft. Doch Wilhelm Souchon, Gouverneur von Kiel versichert noch immer, er habe alles im Griff. Schüsse in der Stadt. In der Kieler Feldstraße werden sieben Menschen getötet, als sie versuchen ihre inhaftierten Kameraden aus der Arrestanstalt zu befreien.
„Hier entlang!“, „Platz machen“, „Folgen!“, brüllen uns die Befehle schließlich in die große Maschinenhalle. „Stühle aufstellen!“, heißt es plötzlich und gemeinsam mit den Marinesoldaten bauen wir uns unsere Sitzreihen selber auf. „Markierung beachten!“, herrscht mich ein Offizier an, als ich meinen Stuhl nicht genau auf die schwarze Markierungslinie stelle. Mehr denn je fühle ich mich an meine Ausbildung in Eutin erinnert.
Etwa ein Drittel der Zeit ist um und ab jetzt dürfen wir sitzen. Doch wir sind noch immer hautnah dabei. Das Kieler Ensemble spielt so eindringlich, so nah und so authentisch, dass ich vielleicht zum ersten Mal verstehe, was es bedeutet, ein guter Schauspieler zu sein. Zacharias Preen spielt nicht den SPD Politiker Gustav Noske, nein, an diesem Abend ist er es. Wie er dort steht und geht. Selbstsicher, arrogant, fast überheblich in seinem schweren wollenen Mantel mit dem dicken Hut und der Zigarette. Kein Zweifel: das ist Noske!
Ebenso Marko Gebbert als aufständischer Soldat Fritz Kemp. Wenn es einen glaubhaften Revoluzzer am Kieler Schauspiel gibt, dann ist es Marko Gebbert. Schon in Linie 1 habe ich seine Power in der Rolle des kleinen Dealers Bambi geliebt. Aber heute abend übertrifft er sich selbst. Als er hoch oben auf dem alten Dieselmotor steht und revolutionär in die Menge brüllt, habe ich andauernd Angst, er könne herunterfallen. Und als er den Stadtkommandanten Heine mit dem Bajonett ersticht, da glaube ich ihm seine Wut und später auch seine Verzweiflung, als er merkt, dass er durch diesen Mord nicht besser ist, als die, gegen die er aufgestanden ist.
Die Aufführung 1918 ist auch für das Publikum ein ganzes Stück Arbeit. Wir sind nicht nur Zuschauer. Wir sind selbst Teil der Ereignisse. Wir sind Matrosen, Arbeiter, Aufständische und oft auch einfach nur das namenlose Volk. Aber immer spielen wir mit und sind selbst ein Teil der Handlung. Es ist manchmal regelrecht beängstigend. Welch eine Spannung. Die Schauspieler sind uns andauernd so sehr nah und so eindringlich. Sie gehen zwischen uns hindurch, erteilen uns Befehle, hetzen uns mal hierhin, mal dorthin. Die Akustik ist laut. Sie schallt und knallt, so dass man sich keine Sekunde dem Stück entziehen kann. Als das Schauspiel schließlich zu Ende geht, bin ich fast zu erschöpft zum Klatschen.
Das war ein megatoller Abend und ich kann nur jedem raten, sich um Karten zu bemühen, die dazu mit 15 EUR kaum teurer sind als Kinokarten. Kalt war es übrigens nicht, die Räume sind geheizt. Nur dass ich die ganze Zeit meinen dicken Mantel anlassen musste, hat mich ein wenig gestört. Außerdem rate ich dazu, vorher nichts zu trinken, denn Toiletten waren weit und breit nicht zu sehen. Und niemals hätte ich den Mumm gehabt, einen der Offiziere zu fragen, ob ich mal austreten darf. Ich bin doch nicht lebensmüde!
Weibliche Hormone bekomme ich nun schon seit mehr als einem Jahr. Ich nehme Estreva Gel, das in einem praktischen Pumpspender geliefert wird. Jeden Morgen nach dem Duschen gönne ich mir eine winzige Portion des klaren Gels und verteile es auf Brust und Arme. Die Wirkung ist einfach umwerfend: Gesicht und Körper werden femininer, Begegnungen mit ExFrauen und Liebesfilme werden heuliger und mein Busen wächst und wächst.
Und trotzdem: Der volle Pamela Anderson Effekt will sich oberweitenmäßig einfach noch nicht einstellen.
Nach der letzten Blutuntersuchung erklärt mir der Endokrinologe, warum das so ist: Mein Östrogenspiegel gleicht inzwischen tatsächlich dem einer ganz normalen Frau. Mein Testosteronwert aber, das männliche Hormon, ist noch immer viel zu hoch und das ist schlecht.
Ich brauche also ein Medikament, dass den Testosteronspiegel senkt, oder zumindest wirkungslos macht. Das wirksamste und bekannteste Medikament dafür ist Androcur. Es ist sehr wirkunsvoll, aber leider auch ein echter Hammer. Depressionen, Müdigkeit und fett zu werden, sind drei Dinge, die ich nicht gebrauchen kann.
Der Doc empfiehlt mir als Alternative die gute alte Diane-35, eine bekannte Antibabypille. Sie enthält neben weiblichen Hormonen auch ein Gestagen, das den männlichen Hormonen entgegenwirken soll. Ich bin sofort einverstanden und bekomme gleich ein 3-Monatsrezept mit auf den Weg.
Auf dem Rückweg vom Arzt halte ich an einer Apotheke, um gleich das Rezept einzulösen. Aus Verlegenheit und weil ich gut drauf bin, frage ich die junge Apothekerin, ob ich jetzt auch wirklich nicht mehr schwanger werden könne. Sie merkt wohl nicht, dass ich sie nur ein wenig auf den Arm nehmen will und erklärt mit freundlicher Besorgnis:
"Aber nein, wenn sie die genau nach Vorschrift nehmen, ist sie völlig sicher. Nehmen Sie denn zum ersten Mal die Pille?"
Ich gebe auf. Sie ist total nett und merkt einfach nicht, dass ich mal ein Mann war und auch ohne diese blöde Pille vermutlich nicht schwanger werden würde. Als mir klar wird, welches perfekte Passing das eben war, bin ich total glücklich. Welch ein schöner Tag!
Als ich die lange Treppe hinunter in den Keller stöckele und die Klingel neben der schweren Tür drücke, frage ich mich, worauf ich mich da eingelassen habe. "Bring ruhig noch 'ne Freundin mit", hatte mir Michael der Inhaber vom Club-Eden geschrieben. Und so steht Claudia neben mir und ist noch ängstlicher als ich.
Nur einen Augenblick später öffnet mir Jessica(22) freundlich lächelnd die Tür. Wow, denke ich, zum ersten Mal bin nicht ich das Girl im kürzesten Kleid. Jessy trägt einen Ledermini aus Fransen, nur leider hat jemand vergessen, auch hinten welche dran zu machen. Ob ich sie darauf aufmerksam machen soll...?!
Jessy bringt uns direkt zu Michael, dem Inhaber des Clubs, wir werden erwartet. "Die beiden Herren vom Kieler Transgender Führer sind da", stellt sie uns kurz vor. Ich muss sofort lachen, das Eis ist gebrochen.
So also sieht eine "Frivole Disco" aus. Wow, ich bin beeindruckt. Ein langer Tresen mit Barstühlen aus rotem Leder, überall Sitzgruppen, schwere Sessel und Sofas aus tiefrotem Leder, eine verchromte Pole Stange an der Tanzfläche, die ganze Einrichtung ist elegant und stilvoll, blitzsauber und sieht nach viel Geld aus.
Michael erklärt mir kurz das Konzept des Clubs. Das Eden versteht sich als "Frivole Disco", wo sich auch die Swingerszene trifft. Ein reiner Swingerclub will das Eden aber nicht sein. Vielmehr bestimmen die Gäste selbst, aus welcher Sicht sie die Erlebnisdisco wahrnehmen.
So kann man das Eden auch einfach nur als Nobeldisco nutzen. Dazu lässt man sich am Eingang eines der farbcodierten Leucht-Armbänder geben. Gelb bedeutet: "Nein! Lass mich in Ruhe, ich bin nur zum Tanzen hier." Auf der Tanzfläche mit Light & Lasershow, Nebelmaschine, einer PoleDance Stange und jeder Menge Spiegeln kann man perfekt abtanzen. Besser habe ich das noch nirgends erlebt. Dazu kommt die gepflegte Bar und jede Menge gemütlicher Sitzgruppen.
Aber natürlich ist das Eden keine gewöhnliche Disco. Das wird mir spätestens dann bewusst, als Annette*, eine 32-jährige Bürokauffrau aus Rendsburg sich lasziv auf die lederne Spielwiese legt und wenig Zweifel daran lässt, dass sie jetzt ganz gerne ein bisschen kuscheln würde. Nach wenigen Minuten gesellen sich fünf Herren und eine weitere junge Dame dazu und beginnen ziemlich aktiv zu "schmusen". Mich stört es nicht. Ich tanze ungerührt weiter und genieße die Lasershow. Nur als Annette mich zweimal völlig aus dem Takt bringt, indem sie lauter schreit als Amy Whinehouse, bin ich doch ein bisschen pikiert. Nun gut, jetzt weiß ich wenigstens wie so ein GangBang aussieht. Bislang kannte ich nur den Begriff.
Ich bin neugierig und möchte wissen, welche Menschen ins Eden gehen und so komme ich an diesem Abend mit vielen Leuten ins Gespräch. Da ist zum Beispiel Karsten* (38), Sachbearbeiter im öffentlichen Dienst, der mit seiner granatenmäßig hübschen Frau Vanessa* (32) da ist. Sie trägt einen Leopardenbikini und schwarze Overknee Stiefel. Karsten erklärt mir, dass die beiden die erotische Atmosphäre im Club genießen und gerne auf der Spielwiese miteinander fummeln. Dann war da noch die junge Brünette, die mir partout ihren Namen nicht nennen wollte. Sie ließ sich innerhalb von zwei Stunden von fünf Typen durchrammeln, während ihr Mann an der Bar saß und die Show genoß. Vielleicht war er aber auch einfach nur froh, einmal frei zu haben, denn die Brünette sah wirklich anstrengend aus. Später beim Rausgehen sagt sie: "Das kann noch nicht alles gewesen sein." "Holy Moly", denke ich, mit der hätte ich auch nicht verheiratet sein mögen.
Von Michael, dem Inhaber des Clubs erfahre ich, daß etwa die Hälfte der Gäste aus Paaren und die andere Hälfte aus einzelnen Herren und Damen besteht. Viele Gäste wollen einfach nur tanzen und stellen sich unter den Schutz des gelben Neonarmbandes. Einige sind Voyeure und schauen nur zu. Andere sind noch unentschlossen, oder gehören tatsächlich der typischen Swingerszene an.
Die Frauen genießen es total, einmal ein wirklich heißes Outfit zu tragen und sich darin völlig sicher zu fühlen. Denn über allem steht eine sehr strenge Einlasskontrolle und die oberste Clubregel: Ein NEIN ist ein NEIN. Schon merkwürdig: In diesem Outfit hätte man in der Bergstraße keine fünf Minuten überstanden und ausgerechnet im Swingerclub ist frau darin völlig sicher. Und das ist nun wirklich schräg, oder...!?
Am wenigsten gefallen hat hat mir die Musik. Es ist eine Endloskonserve vom mp3 mit vielen alten Liedern, die oft nicht recht passen wollen. (Und außerdem kommt Valerie